WORKS

THE HUMAN RACE

Im Laufe der Zeit hat diese selbst sich nicht verändert – jedoch die Intensität ihrer Auswirkungen. Niemals zuvor war eine so große Zahl von Menschen einer derart hohen Lebensgeschwindigkeit ausgesetzt. Wer sich nicht mit der gesellschaftlich vorgegebenen Schnelligkeit bewegt, wird nicht mehr oder nur noch undeutlich wahrgenommen. Dieses Phänomen findet seine adäquate mediale Entsprechung in der Technik der von KOSCHIES eingesetzten Zeitfotografie.

Die Auseinandersetzung der Künstler mit dem menschlichen Leben als Aneinanderreihung von Wettrennen begann vor mehr als zwei Jahrzehnten mit der Arbeit am Zyklus THE HUMAN RACE. Die komprimierten „statischen Kurzfilme“ – von KOSCHIES mit einer modifizierten, über fünfzig Jahre alten Schlitzkamera in die Zeiträume hinein inszeniert – offenbaren sich in grobkörnigem Schwarz-Weiß auf großformatigen Leinwandbahnen. Sie thematisieren den Wettlauf mit der Zeit als individuelle, gesellschaftliche und vor allem künstlerische Herausforderung.

RUNNING DIRECTION

Filmregisseure verlassen ihre Position hinter der Kamera und rücken als sich bewegende Akteure in den Fokus der Schlitzkamera – Menschen, die selbst mediale Zeitabläufe inszenieren, werden damit in ebensolchen fotografisch festgehalten. Ihre Darstellung bringt Aspekte ihrer filmischen Arbeit ebenso zum Ausdruck wie Facetten ihrer Persönlichkeit. Bei Michael Klier fließt seine Leidenschaft für die Malerei Bacons gleichermaßen in die inhaltliche und ästhetische Bildgestaltung ein wie bei Almanya-Regisseurin Yasemin Şamdereli der familiengeschichtliche Hintergrund oder der menschlich-komödiantische filmische Ansatz bei Andreas Dresen.

Neben den drei bereits Erwähnten wurden von KOSCHIES folgende Filmregisseure porträtiert: Jürgen Böttcher alias Strawalde, Dennis Gansel, Andreas Kannengießer, Dani Levy, Franziska Meletzky, Christian Petzold, Pola Schirin Beck, Volker Schlöndorff, Hannes Stöhr, Christian Schwochow und Robert Thalheim.
Die Reihe RUNNING DIRECTION präsentiert ihre Zeitläufe.

MOTION PICTURES

Auch in den Bewegungsstudien von KOSCHIES wird der eindeutige Blickwinkel der Zentralperspektive mit exaktem Fluchtpunkt aufgegeben für eine undefinierte Raumsituation. Raum ist nicht länger eine Eigenschaft der Geometrie, sondern wird durch die Präsenz der Figuren zusammengehalten. Diese Figuren bewegen und verformen sich, bleiben aber scheinbar auf der Stelle. Ihre Dynamik in der Zeit erzeugt plastische Metamorphosen im Raum.

Die Aufnahmen belegen, dass Dinge und menschliche Wesen sich durch sie hindurchbewegten und die Erinnerungen daran zurückgelassen haben. Die Kontinuität von Handlungsabfolgen wird verdichtet zu halluzinatorisch erscheinenden Darstellungen. In ihnen kann man den surrealen Licht- und Schattenwelten eines de Chirico oder Dalí ebenso begegnen wie der Ästhetik der experimentellen Versuchsreihen von Muybridge und Marey. Vor allem aber begegnet man einem außergewöhnlichen Spektrum an Zeitextrakten, die gleichzeitig verwirren und doch auf eine faszinierende Weise neu orientieren und informieren.

TIME LINES

Stillstand kondensiert zu räumlichen Linien und bildet abstrakt anmutende Ebenen. Ein besonderer Reiz der Aufnahmen liegt in diesem indexikalischen Bezug zur unbewegten Wirklichkeit, die sich in subtile Farbverläufe und neutrale Flächen verwandelt – gestaltet nicht mit Pinsel oder Lineal, sondern mit der Zeit selbst. Die beim Anblick der parallelen horizontalen Zeitlinien sich aufdrängenden Bezüge zum Colourfield Painting scheinen naheliegend, ignorieren jedoch die in den Bildern von KOSCHIES enthaltenen Brechungen und Irritationen durch figurativ wahrnehmbare Elemente.

Vor dem Hintergrund der abstrakten Flächen löst sich Gegenständliches in langsamer Bewegung auf und wird zu weichen Formverläufen. Auch die statisch wirkenden TIME LINES selbst sind nicht resistent gegen Impulse aus der räumlichen Realität und geraten mit in das Spannungsfeld zwischen statischer und dynamischer Darstellung. Aus diesen Widersprüchen heraus lassen die Motive Platz für das assoziative Spiel der Gedanken.

SURFACES

Die Porträts der Reihe SURFACES beschränken sich nicht auf das Gesicht der Aufgenommenen, sondern zeigen ihren Kopf. Die chronistische Perspektive ermöglicht dabei nicht nur die simultane Wahrnehmung der Essenz aller Seitenansichten des Kopfes – sie erlaubt auch die simultane Wahrnehmung der während der Aufnahme fazial geäußerten Emotionen und der optischen Auswirkungen von Wesensmerkmalen wie Temperament oder innerer Unruhe. Dreißig Sekunden vor der laufenden Schlitzkamera sind eine zu lange Zeit, um individuelle Typizität gänzlich zu kaschieren.

Wie in ihren anderen Bildzyklen transponieren KOSCHIES in der Werkreihe SURFACES ein zeitliches Nacheinander in ein räumliches Nebeneinander. Das Ergebnis sind temporale zweidimensionale Skulpturen – Rundumansichten des menschlichen Hauptes als intensive Gesichts- bzw. Kopflandschaften. Die Dargestellten entstammen verschiedenen Religionen, Professionen, Alters- sowie Gesellschaftsschichten und haben ihre familiären Wurzeln in unterschiedlichen Kontinenten.

Alle aufgenommenen Personen werden weder namentlich benannt noch in irgendeiner Weise zugeordnet.

 

 

E. Schumann