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WANDEL DER GESTALT

photoscala vom 15.8.2014
Wiesbadener Kurier vom 22.8.2014 (Auszug)
Wiesbadener Tagblatt vom 22.8.2014 (Auszug)

 

Ein ganzer Kurzfilm auf einem einzigen Bild.

Die fotografischen Zeit-Raum-Variationen von KOSCHIES

Das Geheimnis, 2011
100 X 50 cm; Pigmentdruck auf Leinwand

KOSCHIES sind ein in Potsdam und Berlin lebendes Künstlerpaar, das am Rande des Fotografischen, am Rande des Films, irgendwo in der Mitte davon arbeitet. Mit einer modifizierten, alten Spezialkamera – die durch einen permanent geöffneten Schlitz auf einen sich kontinuierlich bewegenden Rollfilm belichtet – entsteht seit 1990 eine verwirrende, eigene Realität. Zeit-Raum-Variationen, in denen alles Unbewegte deformiert, als Streifen oder Linie dargestellt wird, alles Bewegte jedoch figurativ. Aus einem zeitlichen Nacheinander wird im Bild ein räumliches Nebeneinander. Jetzt sind Arbeiten von KOSCHIES in der Kunsthalle im Kunsthaus Wiesbaden zu sehen. Wir sprachen mit ihnen:

KOSCHIES
Foto: Uwe Arens

„Raum ist ein zeitlicher Begriff“. Paul Klee hat das gesagt. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Beschäftigt man sich intensiv mit dem Phänomen „Zeit“, so wie wir das nun bereits seit nahezu einem Vierteljahrhundert tun, kann man die Übermacht der Zeit kaum groß genug einschätzen. Wenn Sie den Ausspruch von Paul Klee übrigens ganz zitieren, so geht dem noch die Feststellung „Alles Werden ist Bewegung“ voraus. Und Bewegung findet immer im Raum statt und ist undenkbar ohne die Dimension der Zeit …

— womit wir dann mehr oder weniger bei Albert Einstein gelandet wären.

Genau. Aber auch unabhängig von der reinen Physik gilt die Übermacht der Zeit für das Leben von uns Menschen. Wenn wir überhaupt etwas Wertvolles zur Verfügung haben, dann ist es unsere Lebenszeit. Insgeheim hält sich wahrscheinlich jeder von uns allen für ein bisschen unsterblich – schon allein, weil wir die Gewissheit der Endlichkeit nicht aushalten.
Wenn wir arbeiten gehen, machen wir im Prinzip nichts anderes, als unsere Lebenszeit stundenweise zu verkaufen. Und Ärzte heilen Patienten nicht für die Ewigkeit, sondern wägen ab, welche Therapie ihnen eine längere Lebensspanne verspricht. Letztendlich definiert sich so gut wie alles über Zeit.

Mit unseren Aufnahmen machen wir ganze Zeitabläufe räumlich sichtbar und entdecken im buchstäblichen Sinne neue Zeiträume, die wir mit unserer Wahrnehmung normalerweise – wenn überhaupt – nur unvollständig erfassen können. Und das ist es, was uns immer wieder antreibt. Neugier und das Gefühl, als Pioniere unterwegs zu sein. Der Schriftsteller Hubert Selby Jr. hat es vor einigen Jahren mal auf den Punkt gebracht: „One thing an artist does is to make visible, what is invisible for everybody else.“ (*) Und nichts anderes versuchen wir.

Könnten Sie uns den technischen Aspekt Ihrer Arbeit kurz skizzieren?

Die analoge Schlitzkamera, mit der wir 1990 unsere gemeinsame künstlerische Arbeit mit der Zeitfotografie begonnen haben, ist mittlerweile mehr als fünfzig Jahre alt. Sie hat keinen Verschluss, sondern hinter dem Objektiv befindet sich ein sehr schmaler Schlitz, durch den ein Schwarzweiß-Film belichtet wird. Dieser fährt ohne anzuhalten in einer gleichmäßigen Geschwindigkeit hinter dem Aufnahmeschlitz vorbei. Was sich hier jetzt relativ einfach anhört, führt zu überraschenden Ergebnissen – zu zweidimensionalen Bildern, deren räumliche Breitendimension ersetzt wird durch die Zeitachse.
Im Ergebnis könnte man sagen, dass unsere Bilder das genaue Gegenteil von herkömmlichen Langzeitbelichtungen sind, auf denen das Unbewegte sichtbar bleibt und das Bewegte bis zur Unkenntlichkeit verwischt.

The Medium is the Passage, 1990
150 X 50 cm; Pigmentdruck auf Leinwand

Viele könnten ihre Bilder zuerst für digitale Manipulationen halten, diese Verformungen und Dopplungen. Doch es ist offenbar nicht der digitale Pinsel, der hier am Werk ist.

Das ist richtig – unsere Kunst basiert tatsächlich nicht auf digitaler Bildbearbeitung, sondern wir instrumentalisieren den gestalterischen Einfluss der Zeit selbst. Daraus resultiert eine besondere Herausforderung bei der Betrachtung unserer Arbeiten. Das menschliche Auge ist nicht gewohnt, die Perspektive der Zeit einzunehmen. Viele unserer Aufnahmen muten auf den ersten Blick recht „normal“ an; das ist von uns auch so gewollt. Erst wenn man sich näher auf die Motive einlässt, fängt die rein räumliche Weltsicht an zu bröckeln: Man nimmt wahr, dass Schatten in verschiedene Richtungen fallen oder sich nicht so verhalten, wie die zugehörigen Personen, dass Menschen permanent schweben, befremdliche Deformationen aufweisen und sogar mehrfach in einem Motiv auftauchen. Im Zeitraum herrschen grundsätzlich andere Gesetzmäßigkeiten.

Mit ihren Arbeiten stehen sie deutlich in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Dynamik des Futurismus, die Deformationen surrealistischer Kunst. Was ist ihr wichtigster Einfluss?

Damit haben Sie gleich zwei der für uns wichtigsten Adressen benannt. Den Surrealismus, weil er Menschen und Dinge ebenfalls in neue Zusammenhänge stellt und sich auch jenseits der zerfließenden Uhren eines Salvador Dalí mit der Dimension der Zeit beschäftigte. Und ganz besonders die Futuristen, die sich der Dynamik und der simultanen Darstellung verschiedener Bewegungsphasen verschrieben hatten – stark beeinflusst von der Fotografie, besonders von den chronofotografischen Studien von Muybridge und Marey. Deren Arbeiten wirkten auf das Werk vieler Künstler ein. Zum Beispiel auch auf das von Francis Bacon, der sich in einem seiner Gemälde direkt auf die Bewegungsstudie eines gelähmten Kindes bezieht, welche Muybridge bereits Jahre zuvor angefertigt hatte. Die Beeinflussung der bildenden Kunst durch experimentelle Fotografie hat eine lange und interessante Geschichte.

Das Gefühl, das ihre Bilder transportieren, ist oft Leere, aber auch Hast, die Angst vor Zeitverlust. Sie haben einen Zyklus „The Human Race“ genannt. Leben wir in einer Zeit des permanenten Wettrennens, des Kämpfens mit der Zeit? Wird nur der wahrgenommen, der rennt, der sich schnell bewegt?

Exakt das war unser ursprünglicher Ansatz. Als wir 1990 begannen, mit einer Schlitzkamera zu experimentieren, wurde uns plötzlich bewusst, dass diese eine nahezu perfekte Analogie zu unserer modernen Gesellschaft herstellt: Nur die, die sich schnell genug bewegen, werden überhaupt erkennbar wahrgenommen. Alles, was die vorgegebene Geschwindigkeit nicht halten kann, verschwindet oder mutiert zum unidentifizierbaren Ornament.

Taken by Storm No. 1, 2013
150 X 50 cm; Pigmentdruck auf Leinwand

Ihre Bilder gehen auf die Suche nach der vierten Dimension, doch drucken Sie ihre Arbeiten auf Leinwand aus, präsentieren klassisch an der Wand. Ist das nicht ein Widerspruch?

Wie definiert man „klassisch“? Letztlich auch wieder über die Zeit. Und gemessen daran, dass das Universum angeblich bereits seit Milliarden von Jahren existiert, sind von Menschen angefertigte Abbildungen an der Wand doch geradezu revolutionär neu.

Unsere künstlerische Position ist an der Schnittstelle zwischen Fotografie und Film. Da die Kameras, die bei uns zum Einsatz kommen, nicht ständig für die Aufnahme von Einzelbildern anhalten, sondern eine gesamte Bewegungssequenz durchgehend auf ein einziges Bild bannen, sind unsere Arbeiten im Endeffekt sogar noch filmischer als herkömmlicher Film. Jedes unserer Motive ist ein ganzer Kurzfilm auf einem einzigen Bild. Und diesen Film bringen wir dorthin zurück, wo er hingehört – auf die Leinwand.

Borderline, 2012
150 X 50 cm; Pigmentdruck auf Leinwand

Da wir gerade beim Thema Film sind – in der farbigen Werkgruppe „Running Direction“ haben sie 14 bekannte deutsche Filmregisseure porträtiert. Welche Begegnung war für Sie am Spannendsten?

Das ganze Projekt war für uns von Beginn an extrem spannend, weil wir anfangs überhaupt nicht einschätzen konnten, ob sich die Regisseure überhaupt daran beteiligen würden. Wir waren selbst überrascht, wie groß deren Bereitschaft zur Mitarbeit war. Ganz bewusst hatten wir die ganze Bandbreite von Regisseuren angefragt, von der über achtzigjährigen Dokumentarfilmlegende Jürgen Böttcher alias Strawalde bis hin zu Pola Beck und Andreas Kannengießer, die gerade die Filmhochschule absolviert hatten, vom Oskar-Preisträger Volker Schlöndorff bis hin zur jungen türkischstämmigen Regisseurin Yasemin Şamdereli. Und natürlich Namen wie Andreas Dresen, Christian Petzold, Dennis Gansel, Dani Levy und viele mehr. Manche kamen sogar während der Dreharbeiten zu ihren neuen Filmen.

Waren die beteiligten Filmregisseure bereits vorher mit der besonderen Aufnahmetechnik der Schlitzkamera vertraut?

Niemand von ihnen hatte bisher damit gearbeitet, so dass ein Teil ihrer Motivation wahrscheinlich auch auf das Interesse an der ungewöhnlichen Technik zurückzuführen ist. Nicht zuletzt vielleicht, weil schon Stanley Kubrick die psychedelische Flugsequenz am Ende seines Filmes „2001: Odyssee im Weltraum“ mit Schlitzkameras realisiert hatte…
Ob die Regisseure bei ihren Zusagen zu dem Projekt wirklich wussten, was auf sie zukommt, bezweifeln wir. Da unsere Aufnahmen zumeist draußen bei hellem Sonnenschein stattfinden, hieß das für die Beteiligten, dass sie bei großer Hitze in voller Montur und im vollen Lauf wiederholt den Aufnahmeschlitz der Kamera passieren mussten. Denn die Ausschussquote bei unserer Arbeit ist sehr hoch – auf ein gelungenes Bild kommen durchschnittlich mindestens fünfzig Fehlversuche. Das erklärt übrigens auch unseren sehr konzentrierten Output an Bildern. Wenn man aber realisiert, dass unsere Aufnahmen tatsächlich Filme sind, können wir doch auf eine relativ große Zahl zurückblicken.

Wir sind allen Regisseuren sehr dankbar, dass sie nicht nur die physischen Strapazen auf sich genommen, sondern auch eigene Anregungen gegeben haben. In diesem Fall hatten wir es wirklich mit Profis zu tun, mit Menschen, die gewohnt sind, in Zeitabfolgen zu denken. Das Ganze war für uns eine ungemein fruchtbare und reiche Erfahrung.

Die Filmregisseure wurden von Ihnen mit einer digitalen Kamera aufgenommen, die Farbbilder produziert. Wie funktioniert diese?

Im Prinzip genau so wie unsere alte analoge Schlitzkamera – nur dass hinter dem immer offenen Schlitz die Aufnahme statt auf Filmmaterial nun ebenso kontinuierlich auf digitale Weise festgehalten wird. Bei analogen ebenso wie bei digitalen Schlitzkameras muss übrigens deren Aufnahmegeschwindigkeit exakt auf die Schnelligkeit des aufzunehmenden Menschen oder Objektes eingestellt werden. Auch dies erfordert wiederum viel Zeit – womit wir wieder bei unserem Kernthema wären.

Box Office, 2012
150 X 50 cm; Pigmentdruck auf Leinwand

Teil Ihrer Arbeit ist stets die hohe Unkalkulierbarkeit. Wie kann man die Ergebnisse trotzdem steuern?

In den vielen Jahren unserer Arbeit mit dieser speziellen Aufnahmetechnik hat sich bei uns zunehmend eine filmische Arbeitsweise herauskristallisiert. Da wir über keinen Sucher verfügen, der uns die nächsten Sekunden der Aufnahme anzeigt, und wir während der Aufnahme dieselbe nicht überprüfen können, sind wir vor allem auf unsere Erfahrung angewiesen. Wir wissen wie gesagt um die besonderen Gesetzmäßigkeiten der Zeitfotografie und fertigen zunächst Drehbücher mit dem eigentlichen Handlungsablauf an, nach denen wir dann vorgehen. Allerdings schützt auch die beste Planung und das exakteste Timing nicht vor Überraschungen – es bleibt immer ein Rest an Unvorhersehbarem. Aber gerade dieses Unberechenbare macht auch den besonderen Reiz aus und erweitert immer wieder unseren Horizont.
Erst wenn wir nach der Aufnahmephase ein fertiges Bild vor uns haben, können wir uns wirklich sicher sein, ob die Zeit auf unsere Inszenierungen gestalterisch in genau der Form eingewirkt hat, die von uns intendiert war.

In Wiesbaden werden Ihre Arbeiten nun im Kunsthaus zu sehen sein. Was planen Sie, dort zu präsentieren?

Die Ausstellung „Wandel der Gestalt“ ist auf Initiative des BBK Wiesbaden zustande gekommen, und hier besonders auf Anregung des Kurators Frank Deubel. In der Kunsthalle wird erstmals ein Querschnitt unserer Arbeiten aus den letzten knapp zweieinhalb Jahrzehnten zu sehen sein – von unseren ersten Schwarzweiß-Aufnahmen aus dem Jahr 1990 über die Bilder von den Regisseuren und surreale Bewegungsstudien bis hin zu Beispielen aus unserem aktuellen Zyklus „TIME LINES“, der stärker als unsere bisherigen Werkreihen den Bereich des Abstrakten streift. Einige unserer neuen Arbeiten werden in Wiesbaden erstmals öffentlich zu sehen sein.

In der benachbarten Aula des Kunsthauses findet parallel eine Gruppenausstellung der Wiesbadener Künstler Sandra Heinz, Mireille Jautz, Horst Reichard, Ulla Reiss und Ute Wurtinger statt, die sich thematisch auf unsere Arbeiten bezieht. Ein hochinteressanter Dialog über die Zeit also zwischen verschiedenen künstlerischen Disziplinen.

Das Interview führte Marc Peschke.

Ausstellung:
Kunsthalle Wiesbaden, 23. August bis 21. September
Eröffnung: 22.08.2014. 19 Uhr