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KUNSTPREIS DER STADT LIMBURG

Rhein-Zeitung vom 18.09.2017

 

Fotografie Stadt Limburg verleiht ihren Kunstpreis an das Potsdamer Künstlerpaar Koschies – Ausstellung läuft bis zum 12. November

Jury: Faszinierende
Zeitsprünge von besonderem Reiz

Axel und Birgit Koschies erläutern vor den Gästen der Preisverleihung in den Kunstsammlungen der Stadt Limburg ihre Werke, die in den kommenden Wochen dort ausgestellt sind. (Fotos: Stadt Limburg)

Limburg. Das Künstlerpaar Koschies aus Potsdam hat den mit 5000 Euro dotierten Limburger Kunstpreis 2017 erhalten. Verbunden mit der Preisverleihung ist auch eine Ausstellung, die in den folgenden Wochen in den Kunstsammlungen zu sehen ist.

Auf dem Sprung – das ist der Eindruck, den die Bilder des Künstlerpaars Koschies aus Potsdam vermitteln. Beeindruckende und faszinierende Arbeiten zwischen Film und Fotografie, die in den kommenden Wochen die Kunstsammlungen der Stadt Limburg prägen werden. Arbeiten, die die Stadt mit ihrem diesjährigen Kunstpreis würdigt.

„Eine besondere Ausstellung, das ist schon auf den ersten Blick zu bemerken. Sehr beeindruckende Arbeiten.“ Bürgermeister Dr. Marius Hahn ließ zur Begrüßung der Preisverleihung und der Ausstellungseröffnung keine Zweifel aufkommen. Und er könne die Entscheidung der Jury, die sich unter 41 Bewerbungen einstimmig für die Koschies als Preisträger ausgesprochen hatte, sehr gut nachvollziehen. Der Kunstpreis stand unter dem Motto „ZeitSprünge“.

In der Bewertung der Jury heißt es unter anderem: Das Ergebnis sind faszinierende „Zeitsprünge“ von besonderem Reiz, deren Rätselhaftigkeit die Phantasie ebenso herausfordert wie den Verstand. Der Jury gehören an: Irene Rörig (Leiterin des Kulturamtes der Stadt Limburg), Professor Eckhard Kremers (Künstler), Dr. Gabriel Hefele (Kunsthistoriker), André Kramm (Vorsitzender Förderkreis Bildende Kunst Limburg) und Johannes Bröckers (Journalist).

Annette Kretzschmar, stellvertretende Vorsitzende des Förderkreises Bildende Kunst, der neben der Stadt mit Unterstützung durch die Kreissparkasse Limburg den Kunstpreis ausrichtet, forderte die Gäste in den Kunstsammlungen dazu auf, sich Zeit zum Betrachten der Arbeiten zu nehmen. Es sind Bilder, die einen zweiten, dritten oder vierten Blick nötig machen – und selbst dann bleibt noch vieles unentdeckt.

Axel Koschies führte dann selbst in die Werke ein. Es gibt in dem Schaffensprozess eine klare Arbeitsteilung zwischen ihm und seiner Frau Birgit. Sie steht hinter der Kamera, er schreibt das Drehbuch für die Aufnahmen und die Umsetzung der Inszenierung geschieht zusammen. „Wir sitzen mit unserer Arbeit zwischen den Stühlen, zwischen Film und Foto, zwischen Physik und Philosophie“, beschreibt der Künstler die gemeinsame Arbeit und dessen, was davon in Limburg ausgestellt wird.
Die Technik befindet sich irgendwo an der Schnittstelle zwischen Film und Fotografie. Denn die Arbeiten des Paares werden als Fotos präsentiert, sind im Entstehungsprozess jedoch das Ergebnis eines Films. Koschies fotografieren mit einer Schlitzkamera und lassen den Film dabei laufen. Das war zu Beginn ein analoges Verfahren. Der Film lief hinter einem senkrechten Schlitz vorbei, wurde belichtet und kam gleich in den Entwickler. Bei dieser Technik des Aufnehmens wird die Zeit quasi sichtbar – in schwebenden, verzerrten, gestauchten Motiven. Was sich nicht bewegt, wird zum Strich. Was sich bewegt, wird erkennbar. Scharf abgebildet werden die Motive, wenn sie die gleiche Geschwindigkeit wie der Film haben.

Inzwischen arbeitet das Künstlerpaar mit einer digitalen Kamera, dadurch sind auch farbige Aufnahmen möglich. Das zeitliche Nacheinander wird auch bei digitalen Aufnahmen zu einem räumlichen Nebeneinander. Deshalb sind die Bilder auch sehr breit. In den Kunstsammlungen präsentieren die Preisträger des Limburger Kunstpreises auch ihre Arbeiten selbst als „ZeitSprünge“. In jedem Raum präsentieren sie Bilder aus einer anderen Schaffensperiode. Der Start in der Eingangshalle ist den alten Arbeiten mit der analogen Schlitzkamera vorbehalten, der zweite Ausstellungsraum ist vor allem mit Abbildungen von Filmregisseuren bestückt und den Abschluss bildet eine Ansammlung von Portraits. Das ist für das Künstlerpaar noch eine recht frische Herausforderung. „Der Prozess des Werkes führt auch bei uns immer noch zu überraschenden Ergebnissen“, gab Axel Koschies den Gästen vor dem ersten Rundgang mit auf den Weg zu Motiven, die scheinbar gar nicht auf den physikalischen Gesetzen basieren.

Das Künstlerpaar dankte der Stadt für die Verleihung des Preises. Dank sagte auch Bürgermeister Dr. Hahn der Jury und dem Team vom Kulturamt für die vorbereitenden Arbeiten und die Präsentation sowie der Kreissparkasse für die Förderung.

Die Ausstellung ist noch bis zum 12. November in den Kunstsammlungen zu sehen.

Interview

Irritation auf den zweiten oder dritten Blick

Künstlerpaar nutzt ungewöhnliche Technik und versetzt Bilder so in Bewegung.
Es sind Arbeiten, die den zweiten Blick fordern – oder noch mehr Blicke…

Wenn das Künstlerpaar Koschies mit seinen Bildern beziehungsweise seinen Fotografien aufwartet, dann strahlen sie vordergründig eine Normalität aus, die sich beim zweiten Blick in Irritation wandelt. Bis zum 12. November gibt es die Gelegenheit, den ersten, zweiten, dritten … Blick auf die Fotografien zu wagen. In den Kunstsammlungen der Stadt Limburg präsentieren die diesjährigen Träger des Limburger Kunstpreises ihre Werke; Johannes Laubach hat die Künstler dazu befragt.

ZeitSprünge ist das Thema, unter dem der Limburger Kunstpreis ausgeschrieben war. Wenn Sie ihre Fotos in den historischen Gebäuden der Kunstsammlungen präsentieren, ist dies wirklich ein Zeitsprung.

Koschies: Es ist für uns sehr spannend, unsere Arbeiten in solch alten, historischen Gebäuden zu präsentieren. Das hat gar nichts von den modernen Kunsthallen, in denen wir meist ausstellen. Keine großen und geraden Flächen, dafür viele Nischen, sichtbare Balken, Winkel, Ecken und Schrägen. Aber wir gehen mit unserer Ausstellung auch darauf ein. Im Historischen Rathaus, also dem älteren Gebäude der Kunstsammlungen aus dem Jahr 1350, werden wir unsere Schwarz-Weiß-Aufnahmen präsentieren. Es handelt sich dabei um unsere älteren Arbeiten. Die neueren Arbeiten präsentieren wir im Nachbargebäude.

Aber auch mit dem Format Ihrer Werke gibt es einen Zeitsprung. Es sind vor allem sehr in die Breite gehende Arbeiten.

Koschies: Das stimmt. Auch in den Formaten wird sozusagen der Zeitsprung deutlich. Die Art und Weise unserer Aufnahmetechnik führt automatisch zu sehr breit angelegten Motiven. Das entspricht ganz und gar nicht der künstlerischeren Darstellungsweise aus der Erbauungszeit der Häuser in der Limburger Altstadt, die doch stark durch eine hochformatige Darstellungsweise geprägt ist – das wird zum Beispiel beim Blick auf die damalige Kirchenkunst deutlich.

Sie machen in Ihren Arbeiten die Zeit sichtbar. Nicht die Zeit der Jahrhunderte, sondern die Zeit während der Aufnahme.

Koschies: Fotografien sind eigentlich Momentaufnahmen. Unsere Bilder entstehen jedoch nicht nur im Augenblick des Drucks auf den Auslöser und damit zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern über einen Zeitraum hinweg. Unsere Motive bewegen sich dabei oder verharren, das ist ganz unterschiedlich. Das besondere bei uns: Der Film bewegt sich die ganze Zeit ohne anzuhalten und wird dabei permanent belichtet. Bei unseren Portraits sind das zum Beispiel 30 Sekunden.

Auf den ersten Blick sieht das aus, als wäre da am Computer mit Photoshop oder einem anderen Bildbearbeitungsprogramm gearbeitet worden …

Koschies: Das hören wir tatsächlich öfter. Aber wir arbeiten nicht mit Bildbearbeitungsprogrammen, sondern die surrealen Verfremdungen entstehen definitiv während der Aufnahme und nur durch die Verformungen durch die Zeit selbst.

Auf den zweiten Blick werden Sachen erkennbar, die nicht so ohne weiteres zu erklären sind. Schatten, die vermeintlich gar nicht zum Bild passen. Ein Koffer, der zu einem Farbbalken wird oder Gliedmaße, die deformieren.

Koschies: Da man nicht gewohnt ist, die vierte Dimension optisch wahrzunehmen, wird man durch die Sichtbarmachung von Zeit zunächst irritiert. Auch wir wissen nicht, was genau am Ende einer Aufnahme herauskommt. Es sind oft viele Versuche notwendig, nur ca. jeder 50. führt zu einem vorzeigbaren Ergebnis. Deshalb müssen die Aufnahmen genau inszeniert werden, brauchen ein Drehbuch. Es entstehen sozusagen filmische Fotografien, die sich als fertige Werke aus Verzerrungen, Dopplungen, Schwebezuständen und mehr zusammensetzen.

In Limburg präsentieren Sie zum ersten Mal eine größere Anzahl von Portraits …

Koschies: Das ist richtig. Bisher haben wir öffentlich nur ganz wenige Portraits gezeigt, in Limburg werden wir einen ganzen Raum mit ihnen bestücken. Das sind auch für uns neue Motive, die uns andererseits an unsere Ursprünge zurückführen, in dem wir zu schwarz-weiß zurückgekehrt sind. Bei den Portraits wird der Kopf unserer Modelle bei einer Drehbewegung durch einen Schlitz beständig aufgenommen. Dadurch kommt eine 360°-Aufnahme zustande – also nicht nur das Gesicht, sondern eine Rundumansicht, die festhält, was in den ca. 30 Sekunden während der Aufnahme alles passiert ist. Da kann es sein, dass die Augen in unterschiedliche Richtungen blicken, die Ohren verschiedene Formen haben…

Birgit und Axel Koschies präsentieren in einem Raum der Kunstsammlungen Porträts; es sind 360-Grad-Aufnahmen, die mit einer Schlitzkamera über einen Zeitraum von 30 Sekunden gemacht werden.