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KUNSTPREIS DER STADT LIMBURG 2017
Nassauische Neue Presse / Frankfurter Neue Presse vom 3.6.2017

MIRAKEL - BILDER AUS DER VIERTEN DIMENSION
Potsdam Life / Ausgabe 41 - Herbst 2015
Kulturradio rbb - Sendung am 30.10.2015
Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ) vom 14.10.2015
Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN) vom 11.09.2015

WANDEL DER GESTALT
photoscala vom 15.8.2014

RUNNING DIRECTION
le jour vom 11.11.2013
www.sueddeutsche.de/kultur am 16.11.2011
Süddeutsche Zeitung vom 15.11.2011
Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ) vom 22.10.2011
Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN) vom 22.10.2011
Friedrich / Zeitschrift für BerlinBrandenburg vom Oktober 2011
rbb Kulturradio online / 22.10.2011

THE HUMAN RACE
Hanauer Anzeiger vom 26.11.2011
Hanau Post vom 14.11.2011
Potsdam Journal / Ausgabe Frühjahr 2009
Kulturradio rbb - Sendung am 15.5.2009
Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN) vom 19.5.2009




KUNSTPREIS DER STADT LIMBURG 2017

Nassauische Neue Presse / Frankfurter Neue Presse vom 3.6.2017

Künstlerpaar Koschies fotografiert mit einer Schlitzkamera

Limburger Kunstpreis geht nach Potsdam



Das Künstlerpaar Koschies aus Potsdam erhält den Kunstpreis der Stadt Limburg 2017. Zur diesjährigen Ausschreibung mit dem Thema „ZeitSprünge“ bewarben sich Künstlerinnen, Künstler und Künstlergruppen aus der gesamten Bundesrepublik.


Burning Life (Ausschnitt). Foto: Koschies

Burning Life nennt das Künstlerpaar Koschies dieses Werk,
das ebenfalls mit der Schlitzkamera aufgenommen wurde.


Limburg. Die Wahl der Limburger-Kunstpreis-Jury ist in diesem Jahr auf das Künstlerpaar Koschies aus Potsdam gefallen. Preisverleihung und Ausstellungseröffnung finden am Freitag, dem 15. September um 19 Uhr in den Kunstsammlungen der Stadt Limburg statt.
„Das Künstlerpaar Koschies begeisterte die Jury mit ihren faszinierenden Bildern aus der 4. Dimension. Koschies’ außergewöhnliche ästhetische Fotografien brechen mit konventionellen Sehgewohnheiten und machen Zeit in ihrer horizontalen Ausdehnung sichtbar“, begründet Irene Rörig, die Leiterin des Kulturamtes der Stadt, die Entscheidung der Jury. Beeindruckt und überrascht zeigte sich das Gremium von den vielfältigen Ideen und Arbeiten, die zum Thema „ZeitSprünge“ eingereicht wurden.



KOSCHIES Foto: Uwe Arens

Foto: uwe arens
Das Künstlerpaar Koschies aus Potsdam erhält den Kunstpreis 2017 der Stadt Limburg.


Bilder voller Dynamik
„Ein spannendes Projekt, das vom 15. September bis 12. November zu einem Besuch der Kunstsammlungen der Stadt Limburg einlädt und einen hochinteressanten Kunstdialog verspricht“, zeigt sich Irene Rörig überzeugt. Das Künstlerpaar Koschies fotografiert auf eine außergewöhnliche Weise: mit einer Schlitzkamera. Diese Technik ermöglicht es ihnen, Bilder voller Dynamik und Verzerrung zu erschaffen.

Der Kunstpreis wird verliehen vom Magistrat der Kreisstadt Limburg, dem Förderkreis Bildende Kunst Limburg und wird von der Kreissparkasse Limburg unterstützt. Der Kunstpreis wird bundesweit mit wechselnder Themenstellung ausgeschrieben. Er ist mit 5.000 Euro dotiert und mit einer Ausstellung in den Kunstsammlungen der Stadt verbunden. Alle Techniken sind zugelassen. Eine Altersbegrenzung besteht nicht. Ziel des Preises ist es, durch das Preisgeld und die Ausstellung Künstlerinnen, Künstlern oder einer Künstlergruppe die Möglichkeit zu geben, eigene, bereits vorhandene oder neue Vorstellungen und Werke mit einer gestellten Thematik zu verbinden, daraus ein individuelles Ausstellungskonzept zu entwickeln und damit an die Öffentlichkeit zu treten.

Seit 1996 beraten der Journalist Johannes Bröckers, der Kunsthistoriker Dr. Gabriel Hefele, André Kramm, Vorsitzender des Förderkreises Bildende Kunst Limburg, Prof. Eckhard Kremers, Künstler, sowie Irene Rörig, Leiterin des Kulturamtes der Stadt Limburg, einmal jährlich über den Gewinner des Kunstpreises. Auch das jeweilige Thema, unter dem der Kunstpreis steht, wird von der Jury festgelegt. „Wir möchten Künstlerinnen und Künstlern, die ganz besondere Positionen vertreten, eine Plattform bieten, sich und ihre Kunst dem Publikum zu präsentieren“, so die Jury.





MIRAKEL - BILDER AUS DER VIERTEN DIMENSION


Potsdam Life / Ausgabe 41 - Herbst 2015

25 Jahre KOSCHIES - ein Künstlerpaar aus Potsdam-Babelsberg


Es ist die alte Geschichte vom Propheten im eigenen Lande – ebenso geht es ungewöhnlichen Künstlern, deren Rolle für die Gesellschaft von der des Propheten nicht so weit entfernt angesiedelt ist.
Registriert hatte ich dieses markante und immer schwarz gekleidete Paar schon seit längerem. Begegnen konnte man ihnen in dieser Stadt immer, irgendwo. Vom Habitus und Outfit her war klar, dass es „Kreative“ sind. Aber dass es sich bei den beiden um erfolgreiche Künstler handelt, die z. B. im letzten Jahr mit einer großen Einzelausstellung in der Kunsthalle Wiesbaden geehrt wurden, ging an mir wie an vielen Potsdamern bisher vorbei. Erst auf einer der vielen letztjährigen Potsdamer Vernissagen mündete der Small-Talk in einer angeregten Unterhaltung. Doch nicht etwa über Kunst kamen wir ins Gespräch, sondern über die flügge gewordenen Kinder. Um es gleich vorweg zu nehmen: Zwei Kinder sind neben einem beeindruckendem Werk die Erfolgsbilanz von 25 Jahren KOSCHIES.



KOSCHIES - Porträt Clamé

KOSCHIES - Porträt Clamé


Das nächtliche Studium eines Kataloges des Paares brachte die Überraschung und die Erkenntnis: Dies ist eine ganz geheimnisvolle Kunst, so eigenartig wie der Künstlername KOSCHIES. Über ihren gemeinsamen Nachnamen hinaus möchten die beiden sich mit ihren vollen Bürgernamen nicht outen – und das hat einen Grund. Beide sind nicht nur im Leben eine Paar, sondern verschmelzen geradezu in ihrer Kunst. Der kreative Flow lässt keine persönliche Identifikation zu. Das dies seit 25 Jahren möglich und vor allem auch erfolgreich ist, scheint dem Außenstehenden ebenso ein Mirakel, wie die Werke, die sie in der gleichnamigen Ausstellung MIRAKEL anlässlich dieses Jubiläums in der Galerie KUNST-KONTOR bei Friederike Sehmsdorf präsentieren. Das Künstlerpaar zog vor 18 Jahren von Berlin nach Potsdam-Babelsberg. Nicht nur wegen der natürlicheren Umgebung für die Kinder, sondern auch wegen der besonderen Atmosphäre in diesem Potsdamer Stadtteil. Noch heute schwärmen die beiden von der Aufbruchsstimmung in dem damals keineswegs so herausgeputzten Viertel. Vieles atmete den Verfall, aber die Aura, die unzählige kreative Geister in diesen Häusern, Studios und Ateliers hinterlassen hatten, war noch spürbar. Seitdem ist Potsdam der Lebensort der KOSCHIES.


KOSCHIES - Futur 1 (Ausschnitt)

KOSCHIES - Futur 1 (Ausschnitt)


Die in einem Vierteljahrhundert entstandenen fotografischen Arbeiten sind Sichtbarmachungen der 4. Dimension, von Z e i t r ä u m en in der buchstäblichen Bedeutung des Wortes. Damals bekamen die junge Fotografin – an der Lette-Schule ausgebildet – und der Theater- und Kommunikationswissenschaftler eine alte Schlitzkamera in die Hände. Eine der Erfindungen des genialen holländischen Ingenieurs Albert Bouwers (1893-1972). Das dieses Zusammentreffen zu einer Initialzündung werden würde, war damals nicht abzusehen.

Was macht die Arbeiten von KOSCHIES so magisch?

Ein normales Foto zeigt auf den Koordinatenachsen die zwei Raumdimensionen Höhe und Breite. Bei einem durch die Schlitzkamera aufgenommenen Bild sind die Dimensionen anders verteilt – statt der Breite wird die Zeit sichtbar. Die Aufnahme erfolgt nicht zu einem Zeitpunkt, sondern über einen Zeitraum hinweg. Somit wird die 4. Dimension physikalisch wie künstlerisch sichtbar gemacht und eine Realität abgebildet, die der Mensch mit seinen Sinnesorganen normalerweise nicht wahrnehmen kann. Eine eigene Welt mit anderen Gesetzmäßigkeiten und ästhetischen Qualitäten, mit permanenten Schwebezustände der Dargestellten, mit Dopplungen und Verformungen. Schatten fallen zum Teil in verschiedene Richtungen oder verhalten sich anders als die zugehörigen Personen. All diese verfremdenden Elemente sind bedingt durch den von KOSCHIES gestalterisch instrumentalisierten Einfluss der Zeit bei der Aufnahme selbst und dokumentieren deren Verlauf. Inhalt und Ästhetik der Bilder beziehen sich auf die Simultanität sowie die Dynamik des Futurismus; sie verweisen darüber hinaus auf surrealistische Vorbilder und die partiellen Deformationen in den Werken Francis Bacons.


KOSCHIES – Love is a Battleshield

KOSCHIES – Love is a Battleshield (Ausschnitt)


Die Aufnahmen mit der Schlitzkamera entstehen in der Zwischenwelt von Fotografie und Film. Durch einen immer geöffneten, schmalen Spalt wird ein dahinter in konstanter Geschwindigkeit vorbeilaufender Film kontinuierlich belichtet. Für statische Elemente, die sich „in (bzw. räumlich vor) dem Schlitz“ befinden, bedeutet dies, dass sie als langgezogener Streifen erscheinen. Sie bewegen sich nicht, während der Film ohne anzuhalten weiterläuft. Daraus ergibt sich, dass nur Objekte deutlich erkennbar abgebildet werden, die sich vor dem Schlitz bewegen. Am konkretesten erscheinen sie, wenn sie den Schlitz mit der gleichen Geschwindigkeit passieren, die auch der Film hat. Dies zeigt, dass die zeitabhängige Komponente Geschwindigkeit eine räumliche Auswirkung auf den Fotografien verursacht.

KOSCHIES reizen mit ihren Arbeiten die künstlerische Seite der Schlitzfotografie in all ihrer Tiefe aus. Anfangs noch mit einer analogen Schwarz-Weiß-Kamera, mittlerweile mit einer digitalen Farbschlitzkamera. Ihre Arbeit ist unterteilt in Zyklen, von denen die jüngste Werkreihe sich dem Porträt widmet.

Die Aufmerksamkeit eines neugierigen und kreativen Publikums kann in dieser Ausstellung einem außergewöhnlichen Spektrum an Zeitextrakten begegnen, die gleichzeitig verwirren und auf eine faszinierende Weise neu orientieren und inspirieren.

Johanna Sumpfdorff

Galerie Kunst-Kontor, Potsdam: „25 Jahre KOSCHIES / Mirakel – Bilder aus der 4. Dimension“.
13. September – 31. Oktober 2015




 

Kulturradio rbb - Sendung am 30.10.2015

Mirakel – Bilder aus der 4. Dimension

Von Jürgen Gressel




Dauer 4:10 min


 


Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ) vom 14.10.2015

Bilder aus einer anderen Dimension

Das Potsdamer Künstlerpaar Koschies fotografiert auf eine ganz außergewöhnliche Weise: mit einer Schlitzkamera. Diese Technik ermöglicht es ihnen, Bilder voller Dynamik und Verzerrung zu erschaffen. In der Galerie Kunst-Kontor in Potsdam ist eine Auswahl der Werke aus einem Vierteljahrhundert noch bis Ende Oktober ausgestellt.


Burning Life (Ausschnitt). Foto: Koschies

Koschies, „Burning Life“ von 2011


Potsdam. Foto ist nicht gleich Foto. Manchmal ist ein Foto auch ein Wunder. Zum Beispiel, wenn es eine vierte Dimension erschafft – eine, die man mit bloßem Auge gar nicht erkennen kann. Das Künstlerpaar Koschies erzeugt mit einer Schlitzkamera genau solche Wunder. Einige davon sind in der aktuellen Ausstellung „Mirakel – 25 Jahre Koschies“ in der Galerie Kunst-Kontor in Potsdam zu sehen.

Mit einer analogen Schlitzkamera hat im Jahr 1990 alles angefangen. Das Besondere an sogenannten Schlitzfotos ist, dass sie nicht zu einem Zeitpunkt, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg aufgenommen werden. Menschen oder Objekte bewegen sich vor einem haarfeinen Schlitz, der permanent belichtet wird, während sich der Film in der Kamera weiterdreht. Dadurch entstehen vierdimensionale Bilder voller Dynamik und Verzerrung.

Koschies zeigen auf ihren Fotos nicht den Raum, sondern die Zeit. Daher bewegen sie sich irgendwo zwischen Film und Fotografie. „Das zeitliche Nacheinander wird im Bild ein räumliches Nebeneinander“, sagt Birgit Koschies. Was während der Aufnahme innerhalb von drei Sekunden passiert, zeigt das entwickelte Bild am Ende, von links nach rechts gelesen, nacheinander. Die Beine der Figuren schweben über dem Boden, die Körper sind gestreckt. „Alles, was schneller als der Film ist, wird zusammengestaucht. Ist es langsamer oder steht, wird es zu einem langgezogenen Streifen“, erklärt Axel Koschies.


Augenlicht. Foto: Koschies

Koschies, „Augenlicht“ von 2015


Seit 2011 benutzt das Künstlerpaar aus Potsdam zusätzlich eine digitale Schlitzkamera, die farbige Aufnahmen zulässt. Die Farbe kommt besonders auf den jüngsten Bewegungsstudien der Koschies zur Geltung. Seit diesem Jahr wagen sie sich an die Natur und an Porträts. In „Augenlicht“ etwa hält die Kamera die Bewegung eines Astes und seiner Blätter fest. Die Dynamik wirkt durch das satte Grün eindrucksvoll. „Für unsere Aufnahmen brauchen wir immer Bewegung, in diese Fall Wind – oder besser gesagt Sturm“, sagt Axel Koschies. Ein einziges Bild erfordert hohen Aufwand. 50 Bilder produzieren die Künstler pro Motiv für die Tonne. Vor allem auch, weil man bei der Aufnahme nicht kontrollieren kann, was fotografiert wird. Zudem sind alle Bilder inszeniert und nicht immer laufen die „Opfer“, wie Axel Koschies die Porträtierten nennt, schnell oder langsam genug durch das Bild.

Luise Fröhlich

Info: Die Ausstellung „Mirakel – 25 Jahre Koschies, Bilder aus der 4. Dimension“ ist noch bis zum 31. Oktober in der Galerie Kunst-Kontor, Bertinistraße 16b in Potsdam zu sehen. Geöffnet ist am Dienstag und Mittwoch von 15 bis 19 Uhr, am Donnerstag von 15 bis 20 Uhr und am Samstag von 13 bis 18 Uhr.





Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN) vom 11.09.2015

Ausstellung im Kunst-Kontor Potsdam

Fast wie bei Picasso

von Steffi Pyanoe

Seit 25 Jahren arbeiten Koschies mit einer Schlitzkamera. Jetzt zeigen sie ihre außergewöhnlichen Bilder im Kunst-Kontor in Potsdam.

Vergessen Sie alles, was Sie je über Bildbetrachtung gelernt haben. Wer sich mit den Fotos der Koschies beschäftigt, muss das Sehen neu lernen. Einen Schalter im Kopf umlegen. Zumindest sofern man den Ehrgeiz besitzt, diese Fotos – die streng genommen gar keine sind, sondern Filme – zu deuten, zu erklären. Zu verstehen. Man kann die Bilder selbstverständlich einfach als künstlerisches Werk wahrnehmen, ihre Ästhetik wirken lassen. Spannender ist definitiv das Erstere. Und weil das nicht so einfach ist, werden Birgit und Axel Koschies nicht müde, wieder und wieder das Prinzip ihrer Aufnahmen zu erklären. Am kommenden Wochenende sind die beiden Babelsberger in der Galerie Kunst-Kontor von Friederike Sehmsdorf zu Gast: Im Rahmen der Kunst-Genuss-Tour wird ihre Ausstellung „Mirakel“ eröffnet.



Arterial Art (Ausschnitt). Foto: Koschies

Arterial Art (Ausschnitt). Foto: Koschies


Außergewöhnliche Technik mit Schlitzkamera

Gefeiert wird zudem ein Vierteljahrhundert Koschies, ihr gemeinsames Projekt, das mit der Entdeckung Schlitzkamera begann. Seitdem arbeiten beide fast ausschließlich mit dieser außergewöhnlichen Technik, bei der Grundprinzipien des Fotografierens komplett umgekrempelt werden. Nicht nur das Objekt vor der Kamera bewegt sich, sondern auch der Film in der Kamera. Der Filmstreifen läuft wenige Sekunden lang kontinuierlich hinter einem schmalen vertikalen Belichtungsschlitz entlang. Der ist immer geöffnet – der Film wird während er läuft belichtet. Das Ergebnis ist ein langes Querformat, das man wie einen Zeitstrahl von links nach rechts lesen muss. Von links nach rechts ist chronologisch aufgezeichnet, was sich gerade vor der Kamera befand. Deshalb wird die Schlitzkamera auch als Zielkamera eingesetzt. Unbestechlich zeichnet sie auf, welcher Läufer, Schwimmer oder welches Pferd als erstes über die Ziellinie kommt.

Die Koschies sehen ihr Verhältnis zur Kamera irgendwie auch ein bisschen sportlich. Ehrgeizig versuchen sie seit 25 Jahren, immer wieder neue Ideen mit dieser Kamera umzusetzen. Und werden dabei manchmal auch von den Zufallsprodukten überrascht.


Unter 50 Versuchen maximal ein Bild

Vor vier Jahren zeigten sie eine umfangreiche Ausstellung zum Thema 100 Jahre Studios in Babelsberg. Dazu holten sie Regisseure vor die Schlitzkamera. „Opfer“ nennt Axel Koschies die Fotomodelle. Denn einfach ist das nicht: Während Birgit Koschies die Kamera bedient, führt Axel Regie, lässt die Akteure wieder und wieder vor der Kamera entlanglaufen, sich so oder so bewegen, springen, mit Accessoires wie Kisten, Sportgerät oder Musikinstrumenten hantieren. Unter 50 Versuchen, sagt er ein wenig schelmisch, findet sich vielleicht ein brauchbarer. Und auch das weiß man erst, nachdem man den Filmstreifen durch das Entwicklerbad gezogen hat. Wie früher.

Seit einigen Jahren benutzen sie auch eine digitale Schlitzkamera, die in Farbe aufnimmt. Nun ist es zwar bunt, das Prinzip jedoch ist geblieben. Und wenn man den beiden zuhört, scheint es, als hätten sie viel Spaß dabei, den Betrachter zu verwirren. „Wir dokumentieren die Zeit. Aus einer zeitlichen Abfolge wird eine räumliche“, sagt Birgit Koschies. Ist das Modell genauso schnell wie der Film, erscheint dessen Abbild scharf und genau. Differieren die Zeiten, entstehen die wildesten Effekte und man muss rätseln, um sie zu entschlüsseln.

Auch Porträts sind dabei

Die Ausstellung zeigt auch Bilder der Regisseur-Fotoreihe. Andreas Dresen zum Beispiel, der stehen blieb und nur den Oberkörper bewegte. Mehrfach sind die Arme in diversen Positionen abgebildet, der Unterleib als Ganzes verwischt, hingefläzt über die ganze Breite. Neu im Portfolio sind Porträts. Die junge Frau hat sich mit dem Hinterkopf vor die Kamera gestellt und dann ihren ganzen Kopf um 360 Grad vor dem Belichtungsschlitz gedreht, sich einmal abgerollt. Die Augen schauen aus unterschiedlichen Positionen, in verschiedene Richtungen. „Das hat ja irgendwie schon Picasso gemacht“, sagt Friedrike Sehmsdorf. Die Galeristin ist begeistert. Die Bilder haben sogar auch etwas mit Einstein zu tun, erklärt sie: Zeit und Raum, alles muss neu sortiert werden.



KOSCHIES Portr. Clamé

Das Porträt einer jungen Frau ist mit einer Schlitzkamera aufgenommen. Andere Bilder sind komplizierter zu entschlüsseln; die Künstler sind gerne dabei behilflich. Foto: Koschies


Heute werden solche Schlitzkameras von Geheimdiensten benutzt, berichtet Axel Koschies, zum Abscannen der Erdoberfläche. So wie man im Krieg die Feindlinien fotografisch abgesucht hat – und vom Satelliten aus die Erde vermisst.

Friedrike Sehmsdorf kann den Bildern vor allem eine ganz ästhetische Wirkung abgewinnen. Was andere mühsam mit digitaler Bildbearbeitung erreichen, schafft die Schlitzkamera von allein. Auf eine Erdfläche gehalten, werden die bunten Farbpigmente des Sandes als feine, parallele Streifen abgebildet. Ein grüner Eichenlaubzweig flutschte so vor der Kamera hin und her, dass er teilweise verwischte, teilweise scharf blieb. Und sich mittendrin zwei grüne Löcher wie die Augen eines Gesichts auftaten. „Sehen Sie, wir werden beobachtet“, sagt Axel Koschies begeistert.

„Mirakel – 25 Jahre Koschies“, bis 31. Oktober in der Galerie Kunst-Kontor, Bertinistraße 16 b.
Samstag von 13 bis 18 Uhr, Sonntag ab 16 Uhr geöffnet





WANDEL DER GESTALT


photoscala vom 15.8.2014
Wiesbadener Kurier vom 22.8.2014 (Auszug)
Wiesbadener Tagblatt vom 22.8.2014 (Auszug)

Ein ganzer Kurzfilm auf einem einzigen Bild.

Die fotografischen Zeit-Raum-Variationen von KOSCHIES


Das Geheimnis, 2011

Das Geheimnis, 2011
100 X 50 cm; Pigmentdruck auf Leinwand



KOSCHIES sind ein in Potsdam und Berlin lebendes Künstlerpaar, das am Rande des Fotografischen, am Rande des Films, irgendwo in der Mitte davon arbeitet. Mit einer modifizierten, alten Spezialkamera – die durch einen permanent geöffneten Schlitz auf einen sich kontinuierlich bewegenden Rollfilm belichtet – entsteht seit 1990 eine verwirrende, eigene Realität. Zeit-Raum-Variationen, in denen alles Unbewegte deformiert, als Streifen oder Linie dargestellt wird, alles Bewegte jedoch figurativ. Aus einem zeitlichen Nacheinander wird im Bild ein räumliches Nebeneinander. Jetzt sind Arbeiten von KOSCHIES in der Kunsthalle im Kunsthaus Wiesbaden zu sehen. Wir sprachen mit ihnen:


KOSCHIES Foto: Uwe Arens

KOSCHIES
Foto: Uwe Arens



The Medium is the Passage, 1990

The Medium is the Passage, 1990
150 X 50 cm; Pigmentdruck auf Leinwand



„Raum ist ein zeitlicher Begriff“. Paul Klee hat das gesagt. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Beschäftigt man sich intensiv mit dem Phänomen „Zeit“, so wie wir das nun bereits seit nahezu einem Vierteljahrhundert tun, kann man die Übermacht der Zeit kaum groß genug einschätzen. Wenn Sie den Ausspruch von Paul Klee übrigens ganz zitieren, so geht dem noch die Feststellung „Alles Werden ist Bewegung“ voraus. Und Bewegung findet immer im Raum statt und ist undenkbar ohne die Dimension der Zeit ...

--- womit wir dann mehr oder weniger bei Albert Einstein gelandet wären.

Genau. Aber auch unabhängig von der reinen Physik gilt die Übermacht der Zeit für das Leben von uns Menschen. Wenn wir überhaupt etwas Wertvolles zur Verfügung haben, dann ist es unsere Lebenszeit. Insgeheim hält sich wahrscheinlich jeder von uns allen für ein bisschen unsterblich – schon allein, weil wir die Gewissheit der Endlichkeit nicht aushalten.
Wenn wir arbeiten gehen, machen wir im Prinzip nichts anderes, als unsere Lebenszeit stundenweise zu verkaufen. Und Ärzte heilen Patienten nicht für die Ewigkeit, sondern wägen ab, welche Therapie ihnen eine längere Lebensspanne verspricht. Letztendlich definiert sich so gut wie alles über Zeit.

Mit unseren Aufnahmen machen wir ganze Zeitabläufe räumlich sichtbar und entdecken im buchstäblichen Sinne neue Zeiträume, die wir mit unserer Wahrnehmung normalerweise – wenn überhaupt – nur unvollständig erfassen können. Und das ist es, was uns immer wieder antreibt. Neugier und das Gefühl, als Pioniere unterwegs zu sein. Der Schriftsteller Hubert Selby Jr. hat es vor einigen Jahren mal auf den Punkt gebracht: „One thing an artist does is to make visible, what is invisible for everybody else.“ (*) Und nichts anderes versuchen wir.

Könnten Sie uns den technischen Aspekt Ihrer Arbeit kurz skizzieren?

Die analoge Schlitzkamera, mit der wir 1990 unsere gemeinsame künstlerische Arbeit mit der Zeitfotografie begonnen haben, ist mittlerweile mehr als fünfzig Jahre alt. Sie hat keinen Verschluss, sondern hinter dem Objektiv befindet sich ein sehr schmaler Schlitz, durch den ein Schwarzweiß-Film belichtet wird. Dieser fährt ohne anzuhalten in einer gleichmäßigen Geschwindigkeit hinter dem Aufnahmeschlitz vorbei. Was sich hier jetzt relativ einfach anhört, führt zu überraschenden Ergebnissen – zu zweidimensionalen Bildern, deren räumliche Breitendimension ersetzt wird durch die Zeitachse.
Im Ergebnis könnte man sagen, dass unsere Bilder das genaue Gegenteil von herkömmlichen Langzeitbelichtungen sind, auf denen das Unbewegte sichtbar bleibt und das Bewegte bis zur Unkenntlichkeit verwischt.

Viele könnten ihre Bilder zuerst für digitale Manipulationen halten, diese Verformungen und Dopplungen. Doch es ist offenbar nicht der digitale Pinsel, der hier am Werk ist.

Das ist richtig – unsere Kunst basiert tatsächlich nicht auf digitaler Bildbearbeitung, sondern wir instrumentalisieren den gestalterischen Einfluss der Zeit selbst. Daraus resultiert eine besondere Herausforderung bei der Betrachtung unserer Arbeiten. Das menschliche Auge ist nicht gewohnt, die Perspektive der Zeit einzunehmen. Viele unserer Aufnahmen muten auf den ersten Blick recht „normal“ an; das ist von uns auch so gewollt. Erst wenn man sich näher auf die Motive einlässt, fängt die rein räumliche Weltsicht an zu bröckeln: Man nimmt wahr, dass Schatten in verschiedene Richtungen fallen oder sich nicht so verhalten, wie die zugehörigen Personen, dass Menschen permanent schweben, befremdliche Deformationen aufweisen und sogar mehrfach in einem Motiv auftauchen. Im Zeitraum herrschen grundsätzlich andere Gesetzmäßigkeiten.

Mit ihren Arbeiten stehen sie deutlich in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Dynamik des Futurismus, die Deformationen surrealistischer Kunst. Was ist ihr wichtigster Einfluss?

Damit haben Sie gleich zwei der für uns wichtigsten Adressen benannt. Den Surrealismus, weil er Menschen und Dinge ebenfalls in neue Zusammenhänge stellt und sich auch jenseits der zerfließenden Uhren eines Salvador Dalí mit der Dimension der Zeit beschäftigte. Und ganz besonders die Futuristen, die sich der Dynamik und der simultanen Darstellung verschiedener Bewegungsphasen verschrieben hatten – stark beeinflusst von der Fotografie, besonders von den chronofotografischen Studien von Muybridge und Marey. Deren Arbeiten wirkten auf das Werk vieler Künstler ein. Zum Beispiel auch auf das von Francis Bacon, der sich in einem seiner Gemälde direkt auf die Bewegungsstudie eines gelähmten Kindes bezieht, welche Muybridge bereits Jahre zuvor angefertigt hatte. Die Beeinflussung der bildenden Kunst durch experimentelle Fotografie hat eine lange und interessante Geschichte.

Das Gefühl, das ihre Bilder transportieren, ist oft Leere, aber auch Hast, die Angst vor Zeitverlust. Sie haben einen Zyklus „The Human Race“ genannt. Leben wir in einer Zeit des permanenten Wettrennens, des Kämpfens mit der Zeit? Wird nur der wahrgenommen, der rennt, der sich schnell bewegt?

Exakt das war unser ursprünglicher Ansatz. Als wir 1990 begannen, mit einer Schlitzkamera zu experimentieren, wurde uns plötzlich bewusst, dass diese eine nahezu perfekte Analogie zu unserer modernen Gesellschaft herstellt: Nur die, die sich schnell genug bewegen, werden überhaupt erkennbar wahrgenommen. Alles, was die vorgegebene Geschwindigkeit nicht halten kann, verschwindet oder mutiert zum unidentifizierbaren Ornament.



Taken by Storm No. 1, 2013

Taken by Storm No. 1, 2013
150 X 50 cm; Pigmentdruck auf Leinwand



Ihre Bilder gehen auf die Suche nach der vierten Dimension, doch drucken Sie ihre Arbeiten auf Leinwand aus, präsentieren klassisch an der Wand. Ist das nicht ein Widerspruch?

Wie definiert man „klassisch“? Letztlich auch wieder über die Zeit. Und gemessen daran, dass das Universum angeblich bereits seit Milliarden von Jahren existiert, sind von Menschen angefertigte Abbildungen an der Wand doch geradezu revolutionär neu.

Unsere künstlerische Position ist an der Schnittstelle zwischen Fotografie und Film. Da die Kameras, die bei uns zum Einsatz kommen, nicht ständig für die Aufnahme von Einzelbildern anhalten, sondern eine gesamte Bewegungssequenz durchgehend auf ein einziges Bild bannen, sind unsere Arbeiten im Endeffekt sogar noch filmischer als herkömmlicher Film. Jedes unserer Motive ist ein ganzer Kurzfilm auf einem einzigen Bild. Und diesen Film bringen wir dorthin zurück, wo er hingehört – auf die Leinwand.


Borderline, 2012

Borderline, 2012
150 X 50 cm; Pigmentdruck auf Leinwand



Da wir gerade beim Thema Film sind – in der farbigen Werkgruppe „Running Direction“ haben sie 14 bekannte deutsche Filmregisseure porträtiert. Welche Begegnung war für Sie am Spannendsten?

Das ganze Projekt war für uns von Beginn an extrem spannend, weil wir anfangs überhaupt nicht einschätzen konnten, ob sich die Regisseure überhaupt daran beteiligen würden. Wir waren selbst überrascht, wie groß deren Bereitschaft zur Mitarbeit war. Ganz bewusst hatten wir die ganze Bandbreite von Regisseuren angefragt, von der über achtzigjährigen Dokumentarfilmlegende Jürgen Böttcher alias Strawalde bis hin zu Pola Beck und Andreas Kannengießer, die gerade die Filmhochschule absolviert hatten, vom Oskar-Preisträger Volker Schlöndorff bis hin zur jungen türkischstämmigen Regisseurin Yasemin Şamdereli. Und natürlich Namen wie Andreas Dresen, Christian Petzold, Dennis Gansel, Dani Levy und viele mehr. Manche kamen sogar während der Dreharbeiten zu ihren neuen Filmen.

Waren die beteiligten Filmregisseure bereits vorher mit der besonderen Aufnahmetechnik der Schlitzkamera vertraut?

Niemand von ihnen hatte bisher damit gearbeitet, so dass ein Teil ihrer Motivation wahrscheinlich auch auf das Interesse an der ungewöhnlichen Technik zurückzuführen ist. Nicht zuletzt vielleicht, weil schon Stanley Kubrick die psychedelische Flugsequenz am Ende seines Filmes „2001: Odyssee im Weltraum“ mit Schlitzkameras realisiert hatte...
Ob die Regisseure bei ihren Zusagen zu dem Projekt wirklich wussten, was auf sie zukommt, bezweifeln wir. Da unsere Aufnahmen zumeist draußen bei hellem Sonnenschein stattfinden, hieß das für die Beteiligten, dass sie bei großer Hitze in voller Montur und im vollen Lauf wiederholt den Aufnahmeschlitz der Kamera passieren mussten. Denn die Ausschussquote bei unserer Arbeit ist sehr hoch – auf ein gelungenes Bild kommen durchschnittlich mindestens fünfzig Fehlversuche. Das erklärt übrigens auch unseren sehr konzentrierten Output an Bildern. Wenn man aber realisiert, dass unsere Aufnahmen tatsächlich Filme sind, können wir doch auf eine relativ große Zahl zurückblicken.

Wir sind allen Regisseuren sehr dankbar, dass sie nicht nur die physischen Strapazen auf sich genommen, sondern auch eigene Anregungen gegeben haben. In diesem Fall hatten wir es wirklich mit Profis zu tun, mit Menschen, die gewohnt sind, in Zeitabfolgen zu denken. Das Ganze war für uns eine ungemein fruchtbare und reiche Erfahrung.

Die Filmregisseure wurden von Ihnen mit einer digitalen Kamera aufgenommen, die Farbbilder produziert. Wie funktioniert diese?

Im Prinzip genau so wie unsere alte analoge Schlitzkamera – nur dass hinter dem immer offenen Schlitz die Aufnahme statt auf Filmmaterial nun ebenso kontinuierlich auf digitale Weise festgehalten wird. Bei analogen ebenso wie bei digitalen Schlitzkameras muss übrigens deren Aufnahmegeschwindigkeit exakt auf die Schnelligkeit des aufzunehmenden Menschen oder Objektes eingestellt werden. Auch dies erfordert wiederum viel Zeit – womit wir wieder bei unserem Kernthema wären.



Box Office, 2012

Box Office, 2012
150 X 50 cm; Pigmentdruck auf Leinwand



Teil Ihrer Arbeit ist stets die hohe Unkalkulierbarkeit. Wie kann man die Ergebnisse trotzdem steuern?

In den vielen Jahren unserer Arbeit mit dieser speziellen Aufnahmetechnik hat sich bei uns zunehmend eine filmische Arbeitsweise herauskristallisiert. Da wir über keinen Sucher verfügen, der uns die nächsten Sekunden der Aufnahme anzeigt, und wir während der Aufnahme dieselbe nicht überprüfen können, sind wir vor allem auf unsere Erfahrung angewiesen. Wir wissen wie gesagt um die besonderen Gesetzmäßigkeiten der Zeitfotografie und fertigen zunächst Drehbücher mit dem eigentlichen Handlungsablauf an, nach denen wir dann vorgehen. Allerdings schützt auch die beste Planung und das exakteste Timing nicht vor Überraschungen – es bleibt immer ein Rest an Unvorhersehbarem. Aber gerade dieses Unberechenbare macht auch den besonderen Reiz aus und erweitert immer wieder unseren Horizont.
Erst wenn wir nach der Aufnahmephase ein fertiges Bild vor uns haben, können wir uns wirklich sicher sein, ob die Zeit auf unsere Inszenierungen gestalterisch in genau der Form eingewirkt hat, die von uns intendiert war.

In Wiesbaden werden Ihre Arbeiten nun im Kunsthaus zu sehen sein. Was planen Sie, dort zu präsentieren?

Die Ausstellung „Wandel der Gestalt“ ist auf Initiative des BBK Wiesbaden zustande gekommen, und hier besonders auf Anregung des Kurators Frank Deubel. In der Kunsthalle wird erstmals ein Querschnitt unserer Arbeiten aus den letzten knapp zweieinhalb Jahrzehnten zu sehen sein – von unseren ersten Schwarzweiß-Aufnahmen aus dem Jahr 1990 über die Bilder von den Regisseuren und surreale Bewegungsstudien bis hin zu Beispielen aus unserem aktuellen Zyklus „TIME LINES“, der stärker als unsere bisherigen Werkreihen den Bereich des Abstrakten streift. Einige unserer neuen Arbeiten werden in Wiesbaden erstmals öffentlich zu sehen sein.

In der benachbarten Aula des Kunsthauses findet parallel eine Gruppenausstellung der Wiesbadener Künstler Sandra Heinz, Mireille Jautz, Horst Reichard, Ulla Reiss und Ute Wurtinger statt, die sich thematisch auf unsere Arbeiten bezieht. Ein hochinteressanter Dialog über die Zeit also zwischen verschiedenen künstlerischen Disziplinen.


Das Interview führte Marc Peschke.

Ausstellung:
Kunsthalle Wiesbaden, 23. August bis 21. September
Eröffnung: 22.08.2014. 19 Uhr




RUNNING DIRECTION


le jour vom 11.11.2013

Gros plan sur les réalisateurs

Une exposition dans le cadre du festival Yaoundé Tout Court 2013.


09.11.2013 - 24.11.2013,
Institut Goethe de Yaoundé

La réalisatrice allemande Yasemin Samdereli tire une valise qui n’en finit plus. Dani Levy joue avec le feu, et Dennis Gansel apparaît plusieurs fois. Artistes, étudiants et cinéastes venus de tout le Cameroun se pressent dans les locaux de l’institut Goethe de Yaoundé pour observer les oeuvres de KOSCHIES. Leur curiosité fut éveillée, ils essaient de comprendre. Le couple berlinois KOSCHIES photographie des réalisateurs allemands pour son projet „Running Direction“. Pourtant, les modèles posant devant l’objectif ne sont pas capturés l’espace d’un seul instant. Ils le sont pendant toute une durée, s’étalant dans le temps. Un art à mi-chemin entre la photographie et le cinéma. Les artistes utilisent pour ce faire une caméra particulière, une caméra de fente, qui dépeint uniquement ce qui se meut assez vite : le temps qui passe. Pour être visibles, les réalisateurs doivent donc se déplacer devant l’objectif avec la même vélocité que le film qui se déroule derrière la lentille, toujours ouverte, de la fente de l’appareil photo.


Institut Goethe de Yaoundé

Raphaël Mouchangou de Goethe-Institut avec les visiteurs de l'exposition, face à une photo des deux artistes et de leur caméra spéciale


Des films du monde entier sont à l’affiche de la 9e édition du festival de courts métrages Yaoundé Tout Court. Le savoir faire des réalisateurs allemands est à l’honneur à la Soirée Allemande. Le vernissage de l’exposition des KOSCHIES se déroula à l’issue des projections.

Christelle Makai





www.sueddeutsche.de/kultur am 16.11.2011

Ausstellung "Running Direction"

Sie sind die Gesichter hinter der Kamera, spielen mit Perspektive und Dramaturgie. Nur selten sind Regisseure selbst im Bild zu sehen. Die Fotografen Axel und Birgit Koschies haben jetzt 14 Filmemacher vor die Kamera gelockt - und sie auf ganz besondere Weise in Szene gesetzt.


www.sueddeutsche.de/kultur

Burning Life © Koschies



Dani Levy und ein Schweinwerfer: Zusammen ergibt das vor der Schlitzkamera eine Bilderwucht, die an Computer-Animationen erinnert. 2010 hatte der Schweizer Regisseur den Film "Das Leben ist zu lang" gedreht. In den Fotos der Koschies wird das Verhältnis von Zeit und Raum auf ungewöhnliche Art und Weise ausgelotet. Doch Dani Levy ist nicht der einzige Regisseur, den das Berliner Fotografenpaar Axel und Birgit Koschies vor die Kamera locken konnten...


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The Gift © Koschies



... auch Volker Schlöndorff ließ sich ablichten. Einige Dutzend mal wurde die richtige Inszenierung versucht. Schlussendlich war es die Blechtrommel, die sich in Schlöndorffs Hand verformt und sich auf dem Foto endlos in die Länge zu ziehen scheint.

Entstanden sind die Bilder, als die Koschies mit den Regisseuren versucht haben, die vierte Dimension in Bildern einzufangen. Dazu haben sie eine Schlitzkamera benutzt, hinter deren Objektiv ganz langsam und kontinuierlich ein Film vorbeizieht. Alles was vor den Schlitz kommt, wird ins Bild gezogen. Derzeit sind die Bilder in der Potsdamer Galerie Sperl zu sehen.


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Wave © Koschies



"Die Welle" macht Dennis Gansel nicht nur auf diesem Bild. Das Foto liefert gleichzeitig die fotografische Referenz zu seinem gleichnamigen Film von 2008. Einen ähnlich spielerischen Umgang mit der Kamera sucht...


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On the Run © Koschies



... Hannes Stöhr, der mit Filmen wie "Berlin Calling" oder "One Day in Europe" einem breiten Publikum bekannt wurde. Die Langsamkeit hat ihn im Bild verdoppelt. Dass die Schlitzkamera und ihre Zeit schwer zu berechnen sind wird deutlich bei...


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Comédie Humaine © Koschies



... Andreas Dresen. Er blieb nur wenige Sekunden vor dem Schlitz, lachte viel und zog sich sogar aus für ein Bild. Wie ein Kobold springt er durch den Raum. Doch wer hier allzu schnell ist, hinterlässt kaum Spuren.

Christopher Louis Pramstaller





Süddeutsche Zeitung vom 15.11.2011

Wer zu schnell ist, wird gestaucht

'Running Direction' – ein Potsdamer Fotoexperiment mit Schlöndorff, Petzold und anderen deutschen Regisseuren

Volker Schlöndorff brachte die Blechtrommel mit – die kleine Trommel, die David Bennent geschlagen hatte, im Jahr 1979, als Schlöndorff den Roman von Günter Grass verfilmte und dafür dann mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Nun sollte er sich in Potsdam mit der Trommel selbst vor eine außergewöhnliche Kamera stellen für ein einmaliges Projekt, 'Running Direction – Regisseure im Zeitraum'. Vierzehn deutsche Regisseure ließen sich vom Künstlerpaar Axel und Birgit Koschies aufnehmen.

Das poetische Bild, das dabei herauskam, ist kein Computereffekt, ihm liegt keine Spielerei zugrunde. Es ist entstanden, als die Koschies mit den Regisseuren vor ihrer Schlitzkamera versuchten, die vierte Dimension auf einem einzigen Bild einzufrieren. Die oft surrealen, großflächigen Bilder von der eingefangenen Zeit werden gerade in der Galerie Sperl im Potsdamer Nikolaisaal gezeigt. Neben Schlöndorff kamen auch Dani Levy, Christian Petzold, Michael Klier, Yasemin Şamdereli, Jürgen Böttcher / Strawalde und lieferten sich der schwer berechenbaren Kamera aus, die im Ergebnis zunächst mal alles Langsame verlängert und nachdrücklicher zeigt, und alles Schnelle staucht und komprimiert. Wer allzu schnell ist, hinterlässt kaum Spuren: je schneller, desto kleiner.

In der Kamera läuft der Film ganz langsam hinter dem Objektiv vorbei, ohne anzuhalten. Der Schlitz bleibt, anders als bei anderen Kameras, ständig offen. Was nun lange vor dem schmalen Schlitz bleibt, wird auf dem Bild gezogen und breit.

Die so entstandenen Zeit-Raum-Variationen erzählen Geschichten über jeden der 14 Regisseure - man könnte denken, dass sie zum Vorschein bringen, was sonst nicht zu sehen ist. Einige der Drucke wirken wie markante biographische Skizzen. Andreas Dresen, dessen neuer Film, das Krebsdrama 'Halt auf freier Strecke', diese Woche ins Kino kommt, blieb nur wenige Sekunden vor dem Schlitz. Dresen lachte viel, er zog sich für ein Bild aus. Auf den entstandenen Drucken springt er wie ein Kobold, der schonungslos und in aller Ausführlichkeit die ganz normalen Extreme alles Menschlichen offenlegt.


sueddeutsche zeitung

Volker Schlöndorff spielt mit seiner Blechtrommel und das Künstlerpaar Koschies bannt seine Bewegung in ein fotografisches Bild. Foto: Koschies



Bei Schlöndorff wurde die Inszenierung einige Dutzend mal neu versucht - er selber tat allerdings nicht viel dazu. Mal stand er, dann ging er. Die Trommel wurde ihm ins Bild gereicht, oder – für ein anderes Motiv – hinter ihm hergerollt, das sieht nun aus, als würde die Trommel den Filmemacher verfolgen. In einem anderen Druck ergibt sich eine größere Erzählung: Die Blechtrommel verformt sich in Schlöndorffs Hand, die sich nahezu endlos in die Länge zieht. Am Ende des Weges ist die Trommel groß zu erkennen und scheint noch über das Bild hinauszureichen. Es könnte 'Lebensweg' heißen, Axel und Birgit Koschies haben es 'The Gift' genannt.

Jens Schneider





Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ) vom 22.10.2011

Der bewegte Regisseur

Ausstellung: Die Serie „Running Direction“ des Fotografen-Ehepaars Koschies in der Galerie Sperl. Auf den kunstvoll mit der Schlitzkamera aufgenommenen Fotografien gerinnt die Zeit.

Surrealistische Fotografie in der Sperl-Galerie – wie geht das? Anfangs ist alles real: die Akteure, die Requisiten, die Fotografen, die Technik, das Aufnahmematerial. Was dann als fotografische Aufnahme entsteht, ist im Bild surreal. Wer erinnert sich da nicht an Dali, aber auch an Francis Bacon!

14 Regisseure haben Modell gestanden, genauer: sind Modell gelaufen. Man hat sich mit dem Fotografen-Ehepaar Koschies verständigt, was man in Szene setzt, wie man sich bewegt. Andreas Dresen spielt gestisch eine „Comédie humaine“, Dani Levy probiert ein Trockenrudern, Hannes Stöhr jongliert, Pola Schirin Beck spielt mit Andreas Kannengießer Ball. Doch nicht der Bruchteil einzelner Bewegungsphasen wird festgehalten. Auf den langen Formaten breitet sich in oft verwirrenden Formen der Ablauf einer Handlung aus. Zeit wird nicht in Einzelbilder zerschnipselt, Zeit wird als Formverlauf im Bild sichtbar.

Das entscheidende technische Gerät ist eine spezielle Kamera, die anstelle der Blende einen Schlitz hat. Sie zeichnet die Bewegung der Akteure in einer Langzeitbelichtung von drei Sekunden auf.


maz

Das Fotografenehepaar Koschies vor dem Bild von Andreas Dresen
Foto MAZ / Bernd Gartenschläger



Was dabei entsteht, übertrifft jeden malerischen Surrealismus. Andreas Dresen verschmilzt in seinen Bewegungen zu einem ganzheitlich bewegten Formpanorama, aus dem Köpfe herauswachsen, scharf oder verschwommen je nach der Aufnahmerichtung. Ein Kopf, ein Porträt ist auf jedem Bild zumindest einmal scharf, um den oder die Abgebildeten zu identifizieren. Das einzige Bild der Ruhe, des unbewegten Körpers ist jenes mit Jürgen Böttcher alias Strawalde. Ruhe signalisiert der über das ganze Zeitbild hinweg gezogene, zum Farbbalken mutierte Körper. Wundersam sind die farbigen Spuren bewegter Gegenstände in ihrer Verformung wie etwa Bälle. Arme können sich schier endlos in die Länge ziehen oder erhalten auf beiden Enden Hände. Ein geradezu verrücktes Eigenleben führen die Schatten. Hier eröffnet sich eine neue „wundersame Geschichte“ für Chamissos „Peter Schlemihl“.

Die Anregung, Regisseure in nicht alltäglicher Weise einmal selbst ins Bild zu bringen, wurde vom Projektbüro „2011 Potsdam – Stadt des Films“ an das Fotografen-Ehepaar Koschies herangetragen, beide erfahren und erfolgreich im Bereich der Theaterfotografie, der Werbung und Illustration. Seit 1990 arbeiten sie mit der Schlitzkamera.

Die aktuelle Serie „Regisseure im Zeitraum“ – in der Ausstellung „Running Direction“ genannt – ist erstmals auf farbigem Filmmaterial entstanden. Sie ist unbestritten einer der originellsten und künstlerisch überraschendsten Beiträge zum Themenjahr „Stadt des Films“.

Dr. Arno Neumann





Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN) vom 22.10.2011

Rätselhaftes Spiel mit der vierten Dimension

Neue Ausstellung des Künstlerpaares Koschies in der Galerie Sperl: Vierzehn Regisseure versuchen, vor einer Schlitzkamera mit der Zeit zu gehen

Von Steffi Pyanoe

„Wissen Sie, machen Sie sich keine Sorgen, wir kommen auch immer wieder durcheinander.“ Axel Koschies steht vor einem seiner neuen Bilder, die ab dem morgigen Sonntag in der Sperl-Galerie über dem Nikolaisaal unter dem Titel „Running Direction“ zu sehen sind. Und versucht, die Entstehung des langen Querformats mit den verzogenen, teils doppelten, identischen Akteuren im Bild zu erklären. Das ist für alle eine geistige Herausforderung – die allerdings Spaß macht. Einmal mehr gegen die Konvention denken, eingefahrene Sichtweisen infrage stellen. „Streng genommen sind das ja auch keine Fotos“, sagt Rainer Sperl. „Es ist viel mehr als Fotografie, es ist die vierte Dimension“.

Was geheimnisvoll und futuristisch klingt, sind keine Aufnahmen aus dem Fenster von Raumschiff Enterprise. Das Künstlerehepaar Koschies hat „einfach“ mit einer Schlitzkamera gearbeitet, seit 20 Jahren experimentieren sie mit dieser ungewöhnlichen Methode, Birgit Koschies hinter der Kamera, Axel als Drehbuchautor für die kurzen Dramen, die sich vor dem laufenden Film abspielen. Um das zu verstehen, muss man die Funktionsweise herkömmlicher Kameras, die durch einmalige Belichtung ein Bild aufnehmen oder mit 25 Bildern pro Sekunde den Stillstand zu einer Bewegung verdichten, vergessen. Die Schlitzkamera hat ihren Namen von einem engen vertikalen Schlitz, der ständig offen ist. An diesem läuft kontinuierlich der Film vorbei und wird ständig belichtet. Ein Gegenstand, der vor der Öffnung still steht oder liegt, ist folglich im Bild als lang gezogener Strich erkennbar. Nur wenn sich die Person mit derselben Geschwindigkeit wie der laufende Film bewegt, entsteht ein einigermaßen scharfes Abbild. Der Film von vier bis 15 Sekunden Länge bildet die Zeit ab – jene vierte Dimension. Unbestechlich objektiv lässt sich dadurch ablesen, was wann geschehen ist. Auch deshalb wurde diese Art Kamera bei Wettkämpfen gern am Zielpunkt von Rennen eingesetzt, falls es Unklarheiten geben sollte, wer als erster Hand oder Fuß über der Ziellinie hatte.

Wie sehr man mit dieser Technik kreativ spielen konnte, wurde den Koschies mit der Zeit mehr und mehr klar. Als Elizabeth Prommer, die das Projektbüro „Potsdam – Stadt des Films“ leitet, bei dem Künstlerpaar anfragte, ob sie etwas zu dem Thema beisteuern könnten, war das Projekt „Running Direction“ schnell geboren. Als extra Schmankerl gewannen die Autoren 14 Filmregisseure, die sich jeweils einen Tag lang auf die andere Seite der Kamera stellten. Und sichtlich ihren Spaß dabei hatten, wie Axel Koschies findet. Aus den Komponenten Zeit, Licht, Wind und Akteur in Aktion, also Bewegung, wurden 20 Bilder unterschiedlichster Ausrichtung, vor denen man erst einmal sprachlos steht. Man kann sie einfach in ihrer Andersartigkeit genießen, aber richtig Spaß macht es erst, sich der Herausforderung zu stellen, das Rätsel der Aufnahme lösen.


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Verzerrt-verspielte Wirklichkeit. Der Regisseur Dani Levy in Aktion mit einem Kajakpaddel. Foto: Koschies



Wie ist die Person am Schlitz vorbeigelaufen, vorwärts, rückwärts, und lief sie überhaupt? Wo ist der Schatten, warum wechselt er die Richtung? Warum ist erst ein Koffer im Bild und dann die Person, und wo kommen die losgelösten Arme her? Man könne das Prinzip der Kamera auch so erklären: Stillstand erscheint im Bild als Bewegung, und was sich bewegt, wird, wenn alles klappt, als scharfes Bild sichtbar. „Wir zeichnen die Zeit auf“, sagt Birgit Koschies.

Mühsam war das; pro Bild sind etwa 50 Aufnahmen nötig, um sicherzugehen, dass am Ende des Tages etwas Brauchbares dabei ist. Wieder und wieder musste dann Volker Schlöndorff mit seiner Blechtrommel durch das oder mit dem Bild laufen. „Jürgen Böttcher / Strawalde haben wir etwas geschont, er ist ja schon achtzig“, sagt Axel Koschies. Der älteste Protagonist brauchte „nur“ mit dem richtigen Timing durch die Aufnahmefläche zu laufen, dann verharrte er im Stillstand, ließ sein zweites Bein sozusagen links liegen. So ist eine Art Supermann-Effekt entstanden. Ein forscher Strawalde mit Feuerschwanz. „On Fire“ heißt das Bild folgerichtig.

„Ballroom“ ist das größte Bild, das nur ins Foyer des Nikolaisaals passt: ein richtiges kleines Szenario. Pola Schirin Beck und Andreas Kannengießer, die jüngsten Regisseure der Gruppe und wie Strawalde Absolventen der Filmhochschule in Babelsberg, spielen Ball. Je nach Aufprall-Verhalten ist dieser aberwitzig deformiert, die Schatten, verzerrte Punkte, tragen ihr Übriges zur Verwirrung bei.

Mittlerweile benutzen die Koschies eine digitale Kamera, die sie sich für ihre Projekte ausleihen, und können auch in Farbe drehen, ihr „erstmaliger Einsatz farbiger Zeitfotografie in einer Ausstellung“, wie sie sagen. Die Farbigkeit verdeutlicht den spielerischen Ansatz, das Experimentelle. Andreas Dresen sitzt wie ein schokoladenbrauner, wild gestikulierender Buddha, nach Scherenschnittart multipliziert und lacht in die Kamera. Pola Schirin Beck läuft gleich zweimal durch das Bild, im Hintergrund ein leuchtend roter, zarter Schleier, der beide Bewegungen verbindet. Die „Gesetzmäßigkeit der Zeit“ macht es möglich.

Gleich im Eingang hängt ein Bild, das das Prinzip verständlich werden lässt: Ein kleiner Ball hüpft auf dem Boden auf und ab. Im Bild zeichnet er eine Kurve mehrerer nach unten offener Parabeln, die in der Höhe abnehmen. Mitnichten sei der Ball „aus dem Bild gerollt“, sagen die Künstler. Die Kurve zeige den Zeitverlauf. Wer das einmal verstanden hat, dem erklären sich auch die restlichen Bilder. Wenn er denn möchte. Denn auch ohne das Wissen um die Entstehung sind sie Kunstwerke, die einen Galeriebesuch lohnen.





Friedrich / Zeitschrift für BerlinBrandenburg vom Oktober 2011

Running Direction

Regisseure im Zeitraum

Andreas Dresen ist auf dem Bild ganz schön in die Breite gegangen, doch kein Computer hat ihn verfremdet. Er beugte sich ganz einfach hin und her, riss die Arme hoch und ließ sich fallen, während in der Schlitzkamera von Axel und Birgit Koschies ein Filmstreifen alles nacheinander aufnahm. Die Technik der Zeitfotografie sorgte dabei für eine leicht verzerrte Darstellung.


hanau post


Das fertige Foto stellt in seiner Längenausdehnung nicht den Raum dar, sondern die Zeit – das Geschehen vor dem permanent geöffneten Objektivschlitz, hinter dem ebenso stetig ein Film entlang zieht. Die zeitlich aufeinander folgenden Handlungen vor diesem Schlitz werden in ein räumliches Nebeneinander verwandelt. Und damit die vierte Dimension sichtbar gemacht.

Seit über 20 Jahren beschäftigt sich das Ehepaar Koschies mit diesem Verfahren in einem Projekt namens „The Human Race“. Die Zwittertechnik zwischen Film und Foto hat zu neuen Aufnahmen geführt, die ab dem 23. Oktober in der Sperl Galerie gezeigt werden. Regisseure aus dem Berlin-Brandenburger Raum wie Andreas Dresen, Volker Schlöndorff und Christian Petzold haben den Sprung vor die Kamera gewagt. „Running Direction“ zeigt Ihre Zeitläufe. Und die Koschies drehten erstmals in Farbe.

Peter Degener





rbb Kulturradio online / 22.10.2011

Running Direction

Vierzehn Filmregisseure an der Schnittstelle zwischen Fotografie und Film

Filmregisseure haben ihre Position hinter der Kamera verlassen und sind als sich bewegende Akteure in den Fokus gerückt – aufgenommen mit einer speziellen Schlitzkamera auf räumlichen Abbildern der vierten Dimension.

Die Ausstellung in der Potsdamer Galerie Sperl präsentiert die Zeitläufe von Jürgen Böttcher / Strawalde, Andreas Dresen, Dennis Gansel, Andreas Kannengießer, Michael Klier, Dani Levy, Franziska Meletzky, Christian Petzold, Yasemin Şamdereli, Pola Schirin Beck, Volker Schlöndorff, Hannes Stöhr, Christian Schwochow und Robert Thalheim.

Im Gegensatz zum herkömmlichen Film, der pro Sekunde fünfundzwanzig Einzelbilder aufnimmt, hält die Spezialkamera des Künstlerpaares KOSCHIES ganze Bewegungsabläufe auf einem einzigen, zumeist langformatigen Bild fest und macht sie für das menschliche Auge sichtbar.

Unser Verstand will die Szenen mit den Regisseuren allerdings als dreidimensionalen Raum sehen statt als Zeiträume, die sie tatsächlich sind. Wir nehmen die horizontale Ebene nicht als eine Zeitachse wahr, sondern wie einen ästhetischen Formverlauf, manchmal klar, manchmal verwirrend und oft faszinierend. Unser normales Gefühl für Proportionen und Bewegung wird dabei in Frage gestellt und unsere Wahrnehmung herausgefordert.

Wie man an den Exponaten der Ausstellung „Running Direction“ sieht, können künstlerische Darstellungen von Bewegungen im Lauf der Zeit überraschend ausdrucksstarke Ergebnisse ergeben. Eindrucksvoll verfremdet durch den Einfluss der Zeit selbst. Berückend in ihrer Dynamik, Surrealität und Poesie.




THE HUMAN RACE


Hanauer Anzeiger vom 26.11.2011

Großformatige Fotos machen 4. Dimension sichtbar

Lange Leinwandbahnen mit grobkörnigen Schwarzweiß-Bildern, aufgenommen mit einer Kamera, die eine Analogie zu unserer Gesellschaft darstellt – sie nimmt nur das wahr, was sich schnell genug bewegt.

Seit über zwei Jahrzehnten arbeitet das Potsdamer Künstlerpaar Koschies mit einer speziellen Schlitzkamera, welche die Zeit für das menschliche Auge sichtbar macht. Die jetzt in der Hanauer Galerie Fototreppe 42 zu sehenden Bildwelten erschließen faszinierende neue Perspektiven. Vor einem durch die Aufnahmetechnik anonymisierten Hintergrund tragen die dargestellten Menschen bei all ihrer Dynamik unwirkliche Züge, sind scheinbar schwebende Helden kurzer filmischer Inszenierungen. Die Schatten haben keine Verbindung mehr zu den Körpern; sie haben sich von ihnen gelöst, führen ein Eigenleben oder kommen ihnen sogar aus verschiedenen Richtungen entgegen.


hanauer anzeiger

Die Künstlerin Birgit Koschies vor einer der langformatigen Fotografien



Dies alles basiert nicht auf digitaler Manipulation, sondern auf Experimenten mit einer alten analogen Standkamera, die die Zeit nicht nur am oberen Bildrand fotografisch festhält. Die mit der Schlitzkamera aufgenommen Bilder und sind das exakte Gegenteil von Langzeitbelichtungen in der herkömmlichen Fotografie. Während „normale“ Langzeitbelichtungen die Hintergründe statisch abbilden und alles sich Bewegende bis hin zur Unkenntlichkeit verschwinden lassen, erreichen Koschies durch die Technik der Zeitfotografie die Umkehrung dieses Phänomens: Nur was sich bewegt, ist zu erkennen. Alles Ruhende und Stagnierende löst sich auf und ist höchstens noch als Streifen oder Linie sichtbar.

Die Bilder der Ausstellung beweisen aufs Eindrücklichste, dass man Zeit manchmal tatsächlich sehen kann. Selbst wenn man Menschen dafür zur Raserei bringen muss...

Die Fotografien sind in der Galerie Fototreppe 42 bis zum 11. Dezember an der Taunusstraße 56 in Hanau-Großauheim zu besichtigen.





Hanau Post vom 14.11.2011

Zeit und Raum verschmelzen

Galerie Fototreppe 42 zeigt mit „The Human Race“ außergewöhnliche Technik

Von Dieter Kögel

Grobkörnig erscheinen die menschlichen Figuren auf den großformatigen Schwarz-weiß-Fotografien von „Koschies“ aus Potsdam. Und die Figuren sind immer in Bewegung, laufen, rennen, hetzen, jagen sich. Was sich nicht bewegt, was statisch ist, wird von der Schlitzkamera nicht erfasst und zerfranst zu diffusen Grauflächen oder Streifen. Einem nicht zu definierenden Raum, in dem sich der Mensch bewegt. Bilder aus dem Zyklus „The Human Race“ des Künstlerehepaares Axel und Birgit Koschies sind seit Samstag in der Galerie Fototreppe 42 von Jochen Stenger in der Taunusstraße 56 zu sehen.


hanau post

Axel Koschies erläutert bei der Vernissage zur Ausstellung „The Human Race“ die Technik der Schlitzfotografie, die Bewegungsabläufe einfängt. Foto: Dieter Kögel



Die Galerie für zeitgenössische Schwarzweiß-Fotografie offenbart eine ganz neue und seltene Facette. Denn Zeitabläufe werden durch die Aufnahmetechnik mit der in den 30er Jahren zunächst für militärische Zwecke eingesetzte Technik der Schlitzkamera in Raum umgesetzt. Aus einem zeitlichen Nacheinander wird ein räumliches Nebeneinander, so Hanaus Museumsleiter Richard Schaffer-Hartmann. Vier Sekunden Zeitablauf werden auf den rund zwei Meter breiten Fotos festgehalten. Ein fast unvorstellbarer Vorgang, den Axel und Birgit Koschies nicht müde wurden zu erläutern.

Denn der Fotoapparat verfügt statt über einen normalen Verschluss über einen haarfeinen Schlitz. Hinter diesem bewegt sich ein Rollfilm mit einer dem bewegten Objekt angepassten Geschwindigkeit vorbei und bildet eben nur das bewegte Objekt ab. Weichen die Geschwindigkeiten von Filmtransport und Objekt voneinander ab, kommt es zu Verzerrungen, Deformationen, optischen Irritationen.

Jenseits der schwer zu vermittelnden Darstellung der vierten Dimension im Bild wirken die Arbeiten allerdings auch in anderer Hinsicht nachhaltig. Da die Kamera jedwede realen Bezugspunkte zur Umgebung ausblendet, drängt sich dem Betrachter die Frage nach dem Grund für all die Hetze und Eile auf. Hetze und Eile in einem nahezu sterilen Raum, in einem Vakuum. „Niemals zuvor waren so viele Menschen permanent einer derart hohen Lebensgeschwindigkeit und damit auch Überlebensgeschwindigkeit ausgesetzt. Wer sich nicht mit der gesellschaftlich vorgegebenen Geschwindigkeit bewegt, wird nicht mehr oder nur undeutlich wahrgenommen,“ heißt es in Koschies Erläuterungen zu „The Human Race“.

Die Ausstellung dauert noch bis zum 11. Dezember, sie ist von 15 bis 18 Uhr geöffnet.





Potsdam Journal / Ausgabe Frühjahr 2009

KOSCHIES – Fotoausstellung in der HFF


Eine Kamera, die nur das reproduziert, was sich schnell genug bewegt? Mit der Technik der Zeitfotografie erschaffene bildhafte Analogien zur Hochgeschwindigkeitsgesellschaft?

Die Präsentation großformatiger Schwarz-/Weißfotografien in der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen ist eine absolute Premiere. Erstmals wird der Öffentlichkeit eine Auswahl aus dem Zyklus THE HUMAN RACE von KOSCHIES im Rahmen einer Einzelausstellung zugänglich gemacht. Gezeigt werden Arbeiten aus den Jahren 1990 bis 2009.


potsdam journal

FAME (PART 2; Ausschnitt)



Eine befremdliche Bildwelt erschließt neue Perspektiven. Vor einem durch die Aufnahmetechnik anonymisierten Hintergrund tragen die dargestellten Menschen bei all ihrer Dynamik unwirkliche Züge, sind scheinbar schwebende Protagonisten filmischer Inszenierungen. Eingefroren in der Einsamkeit von Zeit und Raum als wetteifernde Symbolträger einer sie verformenden gesellschaftlichen Realität. Adäquat verformt auch fotografisch – nicht durch digitale Eingriffe, sondern durch die spezielle Funktionsweise einer analogen Schlitzkamera.

Auf den meisten Aufnahmen dominiert der Raum; seine Übermacht relativiert die menschliche Größe. Die Titel der Werke spiegeln die surreale Atmosphäre der Bildebene wider. Bedeutungen und Beziehungen werden gebrochen und in neue Zusammenhänge gestellt. Klassische Themen werden dabei ebenso berührt wie Elemente der Populärkultur.

KOSCHIES – THE HUMAN RACE vom 15.05.-15.06.2009 in der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Marlene-Dietrich-Alle 11 / 14482 Potsdam-Babelsberg



 

Kulturradio rbb - Sendung am 15.5.2009

KOSCHIES – THE HUMAN RACE

Von Jürgen Gressel




Dauer 3:29 min


 



Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN) vom 19.5.2009
Potsdam-Kultur

Von Almut Andreae

Geschwindigkeit mit Folgen

An der Hochschule für Film und Fernsehen wurde „KOSCHIES – THE HUMAN RACE“ eröffnet.


Sie rennen, was das Zeug hält: Pontius und Pilatus, David und Goliath, Die eiligen drei Könige. Erwachsene und Kinder, mal in Frack und Zylinder, mal gänzlich hüllenlos. Sie laufen, laufen, laufen – und werfen dabei bizarr geformte Schattenbilder vor und hinter sich her. Wird die Richtung gewechselt, fällt der Schatten nach rechts wie nach links, wohlgemerkt auf einem Bild, auf einem Foto. Weitere Auffälligkeiten: raffinierte Schwarz-Weiß-Optik, Grobkörnigkeit und eine Vorliebe für das extreme Querformat.


pnn

Bei der Eröffnung der Ausstellung: der Künstler Axel Koschies, der HFF-Chef Prof. Dr. Wiedemann, die Künstlerin Birgit Koschies und Volker Schlöndorff (v.l.n.r.) Foto: Manfred Thomas


Manipulierte Fotos kennt man zur Genüge. Von daher sind gegenläufige Schattenwürfe so überraschend nicht. Aber Fehlanzeige: Bei diesen Aufnahmen wurde nicht getrickst. Im Falle der Ausstellung „Koschies – The human race“, die man aktuell im Atrium der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) zu sehen bekommt, liegen die Dinge anders. Es handelt sich nicht um digitale Spielereien, sondern um analoge Aufnahme auf einem 35-mm-Film ohne Perforation.

Die ausgestellten Fotos, die im herkömmlichen Sinne eigentlich gar keine sind, haben eine deutliche Schnittmenge mit dem Film. Auch deswegen sorgen der Präsident der HFF sowie der Filmregisseur und Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff als Laudator für ein würdevolles Entrée des Künstlerehepaares Birgit und Axel Koschies auf dem Parkett der Hochschule für Film und Fernsehen.

Die außergewöhnliche Funktionsweise der Zeitfotografie, mit der Koschies all die Bilder aufgenommen haben, schindet auch bei Schlöndorff offenkundig Eindruck. Das Künstlerpaar arbeitet mit einem fast schon antik anmutenden Koloss von Kamera aus den sechziger Jahren, der – wie alle Schlitzkameras – ganz und gar ohne einen Verschluss auskommt.

Bei einer Schlitzkamera wird der lichtempfindliche Rollfilm in kontinuierlicher Bewegung an einem permanent geöffneten millimiterfeinen Aufnahmeschlitz vorbeibewegt. Schlitzkameras sind dazu da, Bewegung einzufangen, zum Beispiel wenn es darum geht, bei sportlichen Wettkämpfen zu dokumentieren, wer die Nase vorne hat. Birgit Koschies, die in Sachen Zeitphotographie auf jahrelange Erfahrung zurückgreifen kann, hat es raus, ihre Kamera so einzustellen, dass sie angepasst auf die Geschwindigkeit eines Läufers die Bewegung richtig fokussiert. Nur was in der richtigen Geschwindigkeit den Sehschlitz passiert, ist hinterher auf dem Film auch wirklich erkennbar. Nur wer schnell genug ist, wird (von der Kamera) gesehen. Deshalb müssen die Modelle für die von Axel Koschies gestellten Schlitzkamera-Bilder auch immerzu rennen, idealerweise, wegen der Lichtausbeute, wenn die Sonne hoch am Himmel steht.

Koschies inszenieren in ihrer Bilderserie „THE HUMAN Race“, die seit 1990 fast im Verborgenen heranreifte, die Schnelllebigkeit und den Wettlauf mit der Zeit. Die im Titel mitschwingende Doppeldeutigkeit – „menschliche Rasse“, „Menschenschlag“, „menschliches Wettrennen“ - liefert die Sicht von Koschies auf die Dinge, auf die conditio humana gleich mit. Die Schlitzkamera wird bei Koschies zum kongenialen Medium, um die Geschwindigkeits-Analogie zwischen Leben und Kamera immer wieder neu in Szene zu setzen. Der Weg zum Ergebnis, wie es sich in der Ausstellung in 24 Motiven darstellt, ist extrem aufwändig.

Die gezeigten Arbeiten sind ein Destillat von annähernd zwei Jahrzehnten intensiver Arbeit, bei dem nicht nur zahllose Kilometer Filmmaterial, sondern auch etliche Ideen für Szenen verworfen werden mussten.

Die geglückten Szenen, bei denen Koschies in ironisierenden Bildtiteln wie „Love is a battleshield“, „The dark side of the mood“ die eigene Deutung gleich mitliefern, wurden für die Ausstellung ins große Format übersetzt. Dazu musste das analoge Filmmaterial gescannt werden. Die auf diese Weise stark vergrößerten Motive werden als Digitaldruck auf Leinwand präsentiert. Bei der Vernissage wurden Birgit und Axel Koschies mit Fragen nach dem Aufnahmeverfahren ihrer Fotos regelrecht bestürmt.

Neben dem Gehalt der Bilder wirkte die außergewöhnliche Aufnahmetechnik der Schlitzkamera, bei der übrigens die belichteten Filmstreifen im Fuß der Kamera per Entwicklungsbad und Fixierer gleich entwickelt wird, für nicht ausgehenden Gesprächsstoff. Der verblüffende Effekt, der entsteht, wenn im Bild aus einem zeitlichen Nacheinander ein räumliches Nebeneinander entsteht, kombiniert mit dem Einfallsreichtum des eingespielten Photographin-Texter-Duos, weckt im Hinblick auf künftige Kreationen à la Koschies Erwartungen.

Der Tag wird kommen, da sind auch noch die letzten Vorräte an Original-Filmmaterial für die gute alte Schlitzkamera erschöpft. Auch vor diesem Hintergrund ist die weitere Entwicklung des eingespielten Teams interessant.

Bis zum 15. Juni, täglich von 10 bis 18 Uhr, Hochschule für Film und Fernsehen, Marlene-Dietrich-Allee 11.