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Alles Werden beruht auf Bewegung,
denn auch Raum ist ein zeitlicher Begriff.
Paul Klee

BEWEGUNG UND TRANSFORMATION

Zwischen Fotografie und Film erschaffen KOSCHIES eine neue, innerhalb eines Zeitkontinuums angesiedelte Realität. Im Gegensatz zu herkömmlichen Kameras verfügen die dabei verwendeten Spezialkameras über keinen mechanischen Verschluss. Die Aufnahme erfolgt durch einen permanent geöffneten schmalen Schlitz und wird in einer kontinuierlichen Bewegung „nahtlos“ belichtet.

Alles Unbewegte, Ruhende wird auf den Bildern von KOSCHIES nicht oder nur bis zur Unkenntlichkeit deformiert dargestellt; es erscheint als durchgehender Streifen oder als Linie. Dahingegen wird alles, was sich vor dem Schlitz analog zu der Aufnahmegeschwindigkeit der Kamera bewegt, figurativ abgebildet – als Sequenz dessen, was den Aufnahmeschlitz passiert hat. Aus einem zeitlichen Nacheinander wird ein räumliches Nebeneinander.


schlitzkamera DIE CHRONOLOGISCHE PERSPEKTIVE

Die Arbeiten von KOSCHIES sind Sichtbarmachungen der vierten Dimension. Aufnahmen, die auf den ersten Blick anmuten wie fotografisch festgehaltene statische Augenblicke, verbildlichen tatsächlich kontinuierlich fließende Zeit. Es offenbaren sich ganze Zeiträume in der buchstäblichen Bedeutung des Wortes.

Selbst vordergründig vertraut wirkende Motive hinterfragen bei näherer Betrachtung die gewohnte dreidimensionale Wahrnehmung. Das „Lesen“ der Bilder bedingt eine Loslösung von der rein räumlichen Sichtweise.

Während herkömmliche Fotografien zumeist nur einen kurzen Zeitsplitter dokumentieren und eine Szene in Höhe und Breite abbilden, bewahren die von KOSCHIES mit Schlitzkameras aufgenommenen Bilder zwar das räumliche Höhenmaß, ersetzen jedoch die Breite durch die Zeitachse. Die horizontale Ausdehnung wird zur chronologischen Perspektive.



INSZENIERUNGEN IM ZEITRAUM

Die permanenten Schwebezustände der Dargestellten, die Dopplungen und Verformungen basieren nicht auf digitaler Manipulation. Dies gilt gleichermaßen für die Schatten, die zum Teil in verschiedene Richtungen fallen oder sich anders verhalten als die zugehörigen Personen. Die verfremdenden Elemente sind bedingt durch den von KOSCHIES gestalterisch instrumentalisierten Einfluss der Zeit bei der Aufnahme selbst und dokumentieren deren Verlauf.

Inhalt und Ästhetik der Bilder beziehen sich auf die Simultanität sowie die Dynamik des Futurismus; sie verweisen darüber hinaus auf surrealistische Vorbilder und die partiellen Deformationen in den Werken Francis Bacons. Auf der überwiegenden Zahl der Fotografien dominiert die nun als Fläche wahrnehmbare Zeit. Deren Übermacht relativiert die menschliche Größe und erzeugt eine ausgeprägte, manchmal befremdliche Atmosphäre der Leere und der Einsamkeit.


ZYKLUS 1 | THE HUMAN RACE

Im Laufe der Zeit hat diese selbst sich nicht verändert – jedoch die Intensität ihrer Auswirkungen. Niemals zuvor war eine so große Zahl von Menschen einer derart hohen Lebensgeschwindigkeit ausgesetzt. Wer sich nicht mit der gesellschaftlich vorgegebenen Schnelligkeit bewegt, wird nicht mehr oder nur noch undeutlich wahrgenommen. Dieses Phänomen findet seine adäquate mediale Entsprechung in der Technik der von KOSCHIES eingesetzten Zeitfotografie.

Die Auseinandersetzung der Künstler mit dem menschlichen Leben als Aneinanderreihung von Wettrennen begann vor mehr als zwei Jahrzehnten mit der Arbeit am Zyklus THE HUMAN RACE. Die komprimierten „statischen Kurzfilme“ – von KOSCHIES mit einer modifizierten, über fünfzig Jahre alten Schlitzkamera in die Zeiträume hinein inszeniert – offenbaren sich in grobkörnigem Schwarz-Weiß auf großformatigen Leinwandbahnen. Sie thematisieren den Wettlauf mit der Zeit als individuelle, gesellschaftliche und vor allem künstlerische Herausforderung.


ZYKLUS 2 | RUNNING DIRECTION

Filmregisseure verlassen ihre Position hinter der Kamera und rücken als sich bewegende Akteure in den Fokus der Schlitzkamera – Menschen, die selbst mediale Zeitabläufe inszenieren, werden damit in ebensolchen fotografisch festgehalten. Ihre Darstellung bringt Aspekte ihrer filmischen Arbeit ebenso zum Ausdruck wie Facetten ihrer Persönlichkeit. Bei Michael Klier fließt seine Leidenschaft für die Malerei Bacons gleichermaßen in die inhaltliche und ästhetische Bildgestaltung ein wie bei Almanya-Regisseurin Yasemin Şamdereli der familiengeschichtliche Hintergrund oder der menschlich-komödiantische filmische Ansatz bei Andreas Dresen.

Neben den drei bereits Erwähnten wurden von KOSCHIES folgende Filmregisseure porträtiert: Jürgen Böttcher alias Strawalde, Dennis Gansel, Andreas Kannengießer, Dani Levy, Franziska Meletzky, Christian Petzold, Pola Schirin Beck, Volker Schlöndorff, Hannes Stöhr, Christian Schwochow und Robert Thalheim.
Die Reihe RUNNING DIRECTION präsentiert ihre Zeitläufe.


ZYKLUS 3 | MOTION PICTURES

In den Bewegungsstudien von KOSCHIES wird der eindeutige Blickwinkel der Zentralperspektive mit exaktem Fluchtpunkt aufgegeben für eine undefinierte Raumsituation. Raum ist nicht länger eine Eigenschaft der Geometrie, sondern wird durch die Präsenz der Figuren zusammengehalten. Diese Figuren bewegen und verformen sich, bleiben aber scheinbar auf der Stelle. Ihre Dynamik in der Zeit erzeugt plastische Metamorphosen im Raum.

Die Aufnahmen belegen, dass menschliche Wesen durch sie hindurchgegangen sind und die Erinnerungen daran zurückgelassen haben. Die Kontinuität von Handlungsabfolgen wird verdichtet zu halluzinatorisch erscheinenden Darstellungen. In ihnen kann man den surrealen Licht- und Schattenwelten eines Chirico oder Dalí ebenso begegnen wie der Ästhetik der experimentellen Versuchsreihen von Muybridge und Marey. Vor allem aber begegnet man einem außergewöhnlichen Spektrum an Zeitextrakten, die gleichzeitig verwirren und doch auf eine faszinierende Weise neu orientieren und informieren.


ZYKLUS 4 | TIME LINES

Stillstand kondensiert zu räumlichen Linien und bildet abstrakt anmutende Ebenen. Ein besonderer Reiz der Aufnahmen liegt in diesem indexikalischen Bezug zur unbewegten Wirklichkeit, die sich in subtile Farbverläufe und neutrale Flächen verwandelt – gestaltet nicht mit Pinsel oder Lineal, sondern mit der Zeit selbst. Die beim Anblick der parallelen horizontalen Zeitlinien sich aufdrängenden Bezüge zum Colourfield Painting scheinen naheliegend, ignorieren jedoch die in den Bildern von KOSCHIES enthaltenen Brechungen und Irritationen durch figurativ wahrnehmbare Fragmente.

Vor dem Hintergrund der abstrakten Flächen löst sich Gegenständliches in langsamer Bewegung auf und wird zu weichen Formverläufen. Auch die statisch wirkenden TIME LINES selbst sind nicht resistent gegen Impulse aus der räumlichen Realität und geraten mit in das Spannungsfeld zwischen statischer und dynamischer Darstellung. Aus diesen Widersprüchen heraus lassen die Motive Platz für das assoziative Spiel der Gedanken.

E. Schuhmann